Pharmakotherapie

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Pharmakotherapie
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Indikation ADHS-Therapie
Therapieform symptomatisch
Wirksamkeit belegt[1][2]
Responderrate gering bis hoch (70 % response bei Methylphenidat-Medikation)
Weiterführende Infos Medikamente, Behandlung, Pharmaindustrie

Eine Pharmakotherapie (auch: medikamentöse Therapie; Stimulanzientherapie) kann, als Therapiebestandteil, vor allem bei Schwer- und Schwerstbetroffenen angezeigt sein, wenn sich andere Interventionen beim Patienten als nicht oder nicht ausreichend wirksam erwiesen haben[3][4][5]. In seltenen, besonders schweren Fällen kann die Zuhilfenahme von Medikamenten erst die Voraussetzungen für die weitere therapeutische Arbeit schaffen.[6][7] In der Regel erfolgt eine ergänzende Pharmakotherapie jedoch als letzte Möglichkeit zur Behandlung einer ansonsten therapierefraktären ADHS.

Ein ausschließliches Verschreiben von Medikamenten wird nach europäischen und deutschen Therapieleitlinien nicht empfohlen und ist als unsachgemäß zu bezeichnen. Vielmehr sollte mindestens eine Integration in einen umfassenden Beratungsansatz mit regelmäßigen Kontrollen erfolgen.[8][9]

Ziel der ergänzenden Pharmakotherapie ist die Minderung des hohen Leidensdrucks der Betroffenen durch eine Verbesserung der Symptomatik. Zu den am häufigsten zur Behandlung von ADHS verschriebenen Stimulanzien zählen Präparate mit dem Wirkstoff Methylphenidat, von dessen Fertigarzneimitteln im Jahr 2012 rund 1800 kg abgesetzt wurden,[10] sowie Lisdexamfetamin-haltige Präparate. Etwa zwei Drittel der schwer Betroffenen Patienten sprechen auf Methylphenidat an. Der individuelle Nutzen und Wirksamkeitsgrad von Methylphenidat auf die ADHS-Symptomatik kann deutlich variieren und ist von einigen Faktoren abhängig. Bei schwerer Symptomausprägung können mit der medikamentösen Kombinationsbehandlung bisweilen enorme Verbesserungen erzielt werden.

In Fällen, in denen Stimulanzien nicht den gewünschten Effekt haben, können auch Alternativpräparate eingesetzt werden, zum Beispiel trizyklische Antidepressiva. Letztere finden jedoch aufgrund ihres ungünstigeren Nebenwirkungsprofils eher in Ausnahmefällen Verwendung (siehe auch: Off-Label-Use). Zur Behandlung komorbider Störungen, wie Depressionen, können auch weitere Medikamente kombiniert werden.

Die medikamentöse Behandlung insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit Psychostimulanzien ist seit langer Zeit vor allem vor dem Hintergrund einer angenommenen Überdiagnostizierung und Übermedikamentierung/-Medikalisierung Gegenstand kontroverser Diskussionen.

Siehe auch: Behandlung (Hauptartikel) und Medikamente.

Indikation - Wann Medikamente eingesetzt werden können

Medikamente können leitliniengemäß als Bestandteil eines Therapiekonzepts hinzugezogen werden bei:[11]

  • Stark ausgeprägter hyperkinetischer Symptomatik

Wenn die Symptomatik stark bis sehr stark ausgeprägt ist und sich situationsübergreifend auswirkt, sodass von einer erheblichen kausalen Beeinträchtigung des Patienten oder seines Umfelds ausgegangen werden muss und eine ausgeprägte Einschränkung der psychosozialen Anpassung vorliegt. Dies ist etwa bei drohender Umschulung in Sonderschulen oder bei massiver monokausaler Belastung der Eltern-Kind-Beziehung der Fall (siehe auch: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens).

  • Drohender Dekompensation

Wenn der Patient angesichts seiner akuten Belastungssituation zu dekompensieren droht. Hier kommt auch eine Kombinationsmedikation bspw. aus Antidepressiva und Psychostimulanzien in Frage.

  • Therapieresistenz

Wenn sich der Patient über einen längeren Zeitraum im Rahmen von ambulanten Therapiemaßnahmen als nicht therapierbar erwiesen hat, bzw. sich keine wesentliche Besserung eingestellt hat. Erweist sich eine probeweise Medikation hier als hilfreich, kann diese beibehalten werden, um den Behandlungsfortschritt zu augmentieren.

  • Mangelnden Ressourcen in der Familie / im sozialen Umfeld

Unter besonders ungünstigen psychosozialen Bedingungen kann eine Medikation bedingt hilfreich sein. Oft ist jedoch ein stationärer Klinikaufenthalt mit medikamentöser Einstellung erfolgsversprechender.

Aufgrund eines Risikobewertungsverfahrens für Methylphenidat-haltige Arzneimittel hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Verordnungsregelung von Stimulanzien (Nummer 44 der Anlage III) im Jahr 2010 geändert. So darf Methylphenidat seit dem 1. Dezember 2010 nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen nach sorgfältiger und vollumfänglicher Diagnostik verordnet werden. Eine Folgeverordnung durch Hausärzte darf nur noch in Ausnahmefällen vorgenommen werden, wenn gewährleistet ist, dass die Aufsicht durch einen Spezialisten für Verhaltensstörungen erfolgt.[12]

Wirksamkeit und Wirkungserwartung

Vergleich des Schriftbilds eines Schuljungen mit ADHS und schwerer grafomotorischer Beeinträchtigung vor (a) und nach Gabe von Methylphenidat (b). Wirksamkeit und Behandlungserfolg sind oft stark korrelierend mit dem Schweregrad der Symptomatik.

Die spontane Wirksamkeit insbesondere von Methylphenidat zur Behandlung von ADHS konnte mittels zahlreicher Studien nachgewiesen werden.[13] Im Rahmen einer medikamentösen Therapieergänzung können jeweils deutliche Verbesserungen Im Bereich der Kernsymptome Emotionsregulation (Selbstkontrolle), Konzentrationsleistung, Reizbarkeit und Impulsivität erwartet werden. In der Praxis kann dies beispielsweise bei Betroffenen, welche an einer schwer ausgeprägten Symptomatik leiden, kurzfristig an einer reduzierten Ablenkbarkeit, verbesserter Merkleistung, eines besseren Schriftbildes, verbesserter Ordnung, höherer Geduld und Frustrationstoleranz sowie einer verbesserten Fähigkeit zu Handlungsplanungen deutlich werden.

Die Betroffenen, sowie ggf. Eltern, Angehörige und Lehrer sollten jedoch darauf hingewiesen werden, dass eine Medikation einerseits keine sofortigen Verbesserungen in den genannten Inhaltsbereichen zu bewirken vermag, und andererseits keine Steigerung des geistigen Leistungsniveaus, also keine gesteigerte Intelligenz erwartet werden kann.[14] Zudem sind Verbesserungen im beschriebenen Ausmaß nur solange zu erwarten, wie das Medikament eingenommen wird.

Langfristig ist die alleinige Medikation in den einzelnen Bereichen, die für die langfristige Entwicklung aufmerksamkeitsgestörter Kinder und Jugendlicher entscheidend sind, nicht erfolgsversprechend. Dies betrifft insbesondere die Akzeptanz des Kindes bei Gleichaltrigen, die Verbesserung der sozialen Fähigkeiten sowie die schulischen Leistungen.[15][16] Vor allem im Bereich der schulischen Leistungen versäumen Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsproblemen in den entscheidenden Schuljahren das Erlernen grundlegender Lernstrategien und Arbeitsweisen, weshalb schulische Schwierigkeiten nicht allein der ADHS-Symptomatik zugeschrieben werden können, sondern auch den Versäumnissen auf der Kompetenzebene des Kindes. Die medikamentöse Therapie sollte deshalb stets in ein multimodales Therapiekonzept eingebunden werden, um die verschiedenen Bereiche, in denen Defizite bestehen, therapeutisch gezielt abzudecken.

Eine Normalisierung durch Medikamentengabe kann nicht erreicht werden, wenngleich kurzfristig oftmals bessere Voraussetzungen bestehen, vorhandene Leistungsmöglichkeiten auszuschöpfen, erfolgreicher zu lernen und sich sozial angepasster zu verhalten.

Bringen die verordneten Medikamente nicht die erwünschte Wirkung, so sollte auch (zum Beispiel im Sinne einer einzuholenden medizinischen Zweitmeinung) an eine falsch-positive ADHS-Diagnose gedacht werden. Den Schwierigkeiten, die anfangs der ADHS zugeschrieben wurden, könnte dann eine andere, nicht erkannte psychische Störung oder eine körperliche Erkrankung zugrunde liegen. → Siehe auch: Fehldiagnosen.

Häufig eingesetzte Medikamente

Vergleich von Spiegelverläufen unterschiedlicher Retardmedikamente sowie unretardierten Methylphenidats.

Methylphenidat

Ritalin ist das meistverschriebene Methylpehnidat-Generikum

Methylphenidat (MPH) ist ein seit den 1950er Jahren eingesetztes Stimlulans, das im Jahr 1944 von Leandro Panizzon erstmals synthethsiert und in den 1950er Jahren vom schweizer Pharmahersteller Ciba unter dem Handelsnamen Ritalin auf den Markt gebracht wurde.

In Deutschland ist Methylpehidat neben vielen anderen Generika als Ritalin, Medikinet oder Concerta bekannt und kommt bei Erwachsenen (Medikinet Adult und Ritalin Adult) sowie Kindern und Jugendlichen therapeutisch im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzeptes zum Einsatz. Die Generika unterscheiden sich hinsichtlich des Wirkstoffs nicht, können aber hinsichtlich ihrer Eignung für Allergiker oder der Wirkdauer unterschiedlich sein. Beispielsweise erhalten alle Ritalin-Präparate Gluten und können daher für Menschen mit entsprechender Unverträglichkeit ungeeignet sein. Hinsichtlich seiner Kurzzeitwirkung liegen für Methylphenidat umfangreiche Untersuchungen vor. Ergebnisse vorliegender Studien über die Langzeitwirksamkeit sind bislang noch nicht aussagekräftig.[17] Die Verschreibung von Methylpehnidat erfolgt vor allem bei schwer bis schwerst ausgeprägten hyperkinetischen Symptomen, die durch vorangegangene Interventionen nicht verbessert werden konnten sowie bei krisenhaften Zuspitzungen.

Zu Behandlungsbeginn erfolgt die Einstellung auf das Medikament mittels eines Titrationsverfahrens. Dabei wird zunächst die notwendige Dosierung und die individuelle Wirkungsdauer bestimmt. Je nach zu beobachtenden Veränderungen kann die Dosierung in der Folgezeit angepasst werden. Die Höchstdosis liegt bei 1 mg pro Kilogramm Körpergewicht bzw. bei 80 mg bei Kindern und 80 mg bei Erwachsenen. Von einer Hochdosis-Therapie sollte abgesehen werden, da hierfür keine wissenschaftlich abgesicherten Grundlagen vorliegen und die Gefahr des Auftretens von erheblichen und bedenklichen sowohl körperlichen als auch psychischen Nebenwirkungen wächst.

Nebenwirkungen sind in der Regel kurzzeitig und auf die Einstellungsphase begrenzt. Spricht ein Patient nicht wie erwartet auf die Medikation an, so besteht die Möglichkeit, dass es sich um einen Non-Responder handelt, oder dass eine fehlerhafte Diagnose vorliegt.

Bei verordnungsgemäßer Anwendung ist bislang kein Fall einer Methylpehnidat-Abhängigkeit bekannt geworden. Bei missbräuchlicher Verwendung hingegen besteht, anders als beispielsweise bei Atomoxetin, ein Suchtrisiko.

Insbesondere in der Einstellungsphase sowie bei unregelmäßiger Einnahme kann bei Wirkzeitende ein Rebound-Effekt einsetzen, bei dem die Symptome in besonders ausgeprägter Form wahrgenommen werden. Dies kann besonders im Straßenverkehr eine Gefährdung darstellen, weshalb hier ein Ausweichen auf Retardpräparate sinnvoll sein kann.

Atomoxetin

Strattera - ein Präparat mit dem Wirkstoff Atomoxetin

Atomoxetin ist Arzneistoff ohne Abhängigkeitspotenzial, der seit März 2005 für die Indikation ADHS bei Kindern und Jugendlichen, sowie zur Weiterbehandlung im Erwachsenenalter zugelassen ist. Seit Juni 2013 ist Atomoxetin auch für den Behandlungsbeginn im Erwachsenenalter zugelassen. Der Wirkstoff wird vom Pharmakonzern Eli Lilly and Company weltweit unter dem Handelsnamen Strattera vermarktet. Atomoxetin ist dann indiziert, wenn eine Wirkung unter Methylphenidat ausbleibt. Erste Langzeitstudien deuten auf eine Wirksamkeit hin.[18] Bei der Anwendung sollten aufgrund entsprechender Berichte evtl. aggressive oder suizidale Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden.[19] Regelmäßig kontrolliert werden sollten zudem Auswirkungen auf Herzfrequenz und Blutdruck.[20]

Lisdexamfetamin

Das Lisdexamfetamin-haltige Präparat Elvanse (30mg) in Kapselform.

Lisdexamfetamin, das in Deutschland unter dem Handelsnamen Elvanse bekannt ist, ist ein synthetisch hergestelltes Arzneimittel, das zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen ab 6 Jahren verwendet werden kann, wenn diese auf eine Behandlung mit Methylphenidat unzureichend angesprochen haben. Für Erwachsene ist es bislang nicht zugelassen. Lisdexamfetamin ist in Deutschland in der Anlage III des BtMG aufgeführt und somit als verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingestuft.[21] Seit Juni 2014 können die Kosten für Elvanse von der Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden.[22]

Weitere Medikation

Siehe auch: Medikamente Depressionen treten sehr häufig komorbid zur ADHS auf, weshalb auch die primäre oder ergänzende Behandlung dieser medikamentös unterstützt werden kann. Dazu kommen in Einzelfällen unter anderem auch trizyklische Antidepressiva sowie selektive Noradrenalin-, Serotonin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer in Frage.

Insbesondere bei komorbiden aggressiven Verhaltensstörungen, sozialen Störungen und Borderline-Störungen kann eine Behandlung mit Amphetaminsulfat aufgrund seiner häufig stimmungsstabilisierenden Wirkung hilfreich sein. In Deutschland ist für Kinder und Jugendliche seit Dezember 2011 Attentin verfügbar,[23] in der Schweiz muss Amphetamin bislang noch als Rohsubstanz in Form von Kapseln oder als Saft rezeptiert werden.

Ein relativ neu auf dem Markt erhältliches Präparat ist der α2A-Rezeptor-Agonist Guanfacin.

Im Weiteren kann zur Therapie einer schwierig zu behandelnden ADHS sowohl für Kinder und Jugendliche, als auch für Erwachsene zudem (off-label)-rezeptiertes Cannabis in Frage kommen. Die Kosten für medzinisches Cannabis müssen bei der Indikation ADHS in Deutschland jedoch noch selbst getragen werden.

Auslassen der Medikation am Wochenende und in den Ferien

Eine Studie von Martins et al. konnte zeigen, dass ein Auslassen von Methylphenidat an Wochenenden die Nebenwirkungen auf Schlaf und Appetit vermindern, ohne, dass sich die Symptome am medikamentenfreien Wochenende oder am folgenden Wochenbeginn verschlechtern. Wochenend- und Ferienzeiten, zu denen die Medikamente ausgelassen werden, bieten sich an, da in diesen Zeiten die Selbstwahrnehmung und -Einschätzung verbessert werden und die Überprüfung eigener Möglichkeiten und Grenzen bei allen Beteiligten erfolgen kann. Ferner kann das Empfinden für Selbsturheberschaft und Selbstwirksamkeit intensiver entwickelt werden.[24]

Kritik

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Nebenwirkungen

Alle zur Behandlung von ADHS eingesetzten Medikamente können insbesondere innerhalb der Einstellungsphase mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden sein. Bei einer Medikation mit Methylphenidat können als häufigste Nebenwirkungen Appetitverlust und Schlafstörungen,[25] aber auch Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Oberbauchschmerzen und Sedierung auftreten. Diese können in der Regel durch eine Anpassung der Dosis kontrolliert werden.[26] Insbesondere bei zweifelhafter Diagnosestellung sowie bei moderater Symptomatik muss das Risko-Nutzen-Verhältnis einer Medikation daher besonders sorgfältig abgewägt werden.

Zweifel an der Wirksamkeit von Methylphenidat

Im Rahmen einer Cochrane-Analyse des Jahres 2015 (Ole Jakob Storebø et al.)[27], bei der 185 Studien zur Wirkung von Methylphenidat ausgewertet wurden, schlussfolgern die beteiligten Forscher, dass der erhoffte Nutzen des Stimulans geringer ausfällt, als bislang angenommen.[28][29] Auf einer ADHS-Bewertungsskala aus Sicht von Lehrern, mit der die Ausprägung der Symptome von 0 bis 72 Punkten eingeordnet wird, haben Ritalin und vergleichbare Medikamente zu der marginalen Linderung von 9,6 Punkten geführt. Eine andere Bewertungsskala aus Sicht von Eltern, Kindern und Jugendlichen reicht von 0 bis 100 Punkten. Hier wird die minimale klinische Relevanz mit sieben Punkten Veränderung angegeben - die aktuelle Studie ergab eine Verbesserung der Symptome um acht Punkte.

Suchtpotential von Methylphenidat

Vereinzelt äußerten Kritiker, Methylphenidat besitze ein erhöhtes Abhängigkeitspotenzial. Dagegen sprechen jedoch diverse Langzeitstudien. In einer Studie von Huss fanden sich Hinweise, dass die Gabe von Methylphenidat sogar suchtprotektiv wirken könnte.[30][31]. Ein Suchtrisiko gilt allerdings nur dann als ausgeschlossen, wenn Methylphenidat verschreibungsgemäß appliziert wird. Missbräuchlich konsumiert (bspw. intranasal) besitzt Methylphenidat ein hohes Abhängigkeitspotenzial, ähnlich des Kokain.

Hinsichtlich psychischer Abhägigkeitserscheinungen kann jedoch gegenübergestellt werden, dass eine Therapie mit Psychostimulanzien zwar in manchen Fällen hilfreich und in seltenen Fällen sogar unverzichtbar sein kann, allerdings auch zu maladaptiven, externalisierten Kontrollüberzeugungen angesichts der temporär verbesserten Leistungsfähigkeit unter Stimulanzieneinfluss beitragen könnte. Die Betroffenen können dann annehmen, dass sie positives Verhalten und gute Leistungen langfristig ausschließlich mit Hilfe eines Medikaments erreichen können (psychische Placebo-Abhängigkeit), obwohl dies lediglich für den geringen Teil Schwer- und Schwertsbetroffener zutreffend sein kann, der ohne Medikation nicht therapierbar ist. Nicht nur aus diesem Grund empfiehlt sich, die Stimulanzienbehandlung so kurz wie möglich (und notwendig) zu halten und die Vor- und Nachteile der Medikamentenaugmentation unter ärztlicher Beratung sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

Siehe auch: ADHS und Sucht.

Methylphenidat als Rauschmittel

Methylphenidat eignet sich bei missbräuchlicher Anwendung als Rauschmittel. Hoch dosiert, intravenös oder intranasal appliziert wirkt es stark antriebssteigernd und euphorisierend, zudem besitzt es bei missbräuchlicher Applikation ein Suchtpotential (s.o.). In Deutschland hat Methylphenidat aktuell aufgrund seiner eingeschränkten Verfügbarkeit in der Drogenszene im Vergleich zu anderen Substanzen noch eine geringe Bedeutung. Wachsend ist das Interesse auf der Seite von Studenten und solchen Konsumenten, die beruflich hohen Belastungen ausgesetzt sind. Zu beobachten ist daher eine steigende Nachfrage über illegale Internet- und Deepweb-Handelsplattformen.[32][33]

Methylphenidat und Missbrauch zum Neuro-Enhancement

In den USA werden Stimulanzien und Methylphenidat häufiger zur Steigerung von Lern- und Berufsleistungen missbraucht, als in Deutschland, beispielsweise von Studenten und Professoren an Hochschulen. Ein Review des Jahres 2013 zeigt auf, dass der Anteil der Medizinstudenten, welche innerhalb des letzten Jahres Methylphenidat konsumiert hatten, bei 3 % bis 16 % liegt.[34] Laut Review gäbe es keine Evidenz für gesteigerte Lern- oder Gedächtnisleistung bei gesunden Menschen, es sei jedoch mit einer erhöhten Wachheit, gesteigerter Aufmerksamkeit und einer kürzeren Schlafdauer zu rechnen.

Methylphenidat als Parkinson-Auslöser

Im Jahr 2002 bescheinigten tierexperimentelle Arbeiten der Göttinger Arbeitsgruppe um Moll, Hüther et al. eine definitive Verringerung des Dopamintransporters auch nach dem Absetzen von Methylphenidat. Die Arbeitsgruppe interpretierte dies als mögliche Folge einer Hemmung der Ausreifung des dopaminergen Systems in den entsprechenden Hirnarealen. Insbesondere bei fehldiagnostizierten und inkorrekt medizierten Patienten befürchtete Gerald Hüther die Ausbildung dopaminerger Mangelsyndrome, darunter Morbus Parkinson. Ein Zusammenhang zwischen Methylphenidat und Parkinson konnte jedoch nicht belegt werden,[35] an den Forschungsarbeiten beteiligte Fachkollegen Hüthers, darunter Aribert Rothenberger, wie auch die DGKJPP, distanzierten sich von diesen Hypothesen deutlich.[36] Bislang wurde zudem kein Fall bekannt, der auf ein erhöhtes Parkinson-Risiko auch nach mehrjähriger Methyphenidat-Behandlung hinweist (2010).[37]

Behandlungsnutzen und psychosozialer Behandlungsdruck

Ein weiterer, häufiger genannter Kritikpunkt ist, dass eine medikamentöse Behandlung bei Kindern und Jugendlichen in manchen Fällen primär aufgrund der elterlichen Sorge und Belastung (bzw. erzieherischer Überforderung) erfolgt, welche von einem Verhalten des betroffenen Kindes ausgehen, das eine Medikation nicht unbedingt erforderlich machen würde. So besteht die Möglichkeit, dass Kinder und Jugendliche der medikamentöse Behandlung scheinbar zustimmen, um dem Leistungs- und Erwartungsdruck ihres psychosozialen Umfelds (zum Beispiel auch ausgehend von den Lehrern) gerecht werden zu können, ohne jedoch selber die vermeintlich dringende Notwedigkeit der Behandlung anzuerkennen[38] und gegebenenfalls ohne, dass eine medikamentöse Therapie notwendig wäre. Solche Bedenken wurden bereits früh etwa von Leon Eisenberg und Lawrence Diller geäußert.

Im Rahmen einer Untersuchung des Jahres 2009 von Koch-Hegener et al. gab keines der befragten Kinder zu Beginn der Medikation an, dass es selbst von der Behandlung profitieren würde. Die Mehrheit der Kinder gab an, dass sie empfinden, dass die Mutter am meisten von der Medikation profitiere.[39][40]

Johannes Streif, Vorsitzender des ADHS Deutschland e.V., beobachtet darüber hinaus Medikamentenverschreibungen bei Kindern und Jugendlichen, in Fällen, in denen vor allem die Eltern unter großem Druck stehen:

Ein bisschen überspitzt gesagt: Eine alleinerziehende Mutter, die zwei Kinder hat, ständig unter Druck steht, Beschwerden von den Nachbarn und aus der Schule bekommt – diese Mutter kann sich nicht so abgrenzen, die hat nicht die Souveränität, die Sicherheit und keine Fremdbetreuungspersonen, die sich um die Kinder kümmern, so dass sie auch mal gelegentlich Luft holen kann. Die ist viel schneller an einem Punkt, wo man sagen muss: Okay, jetzt behandeln wir das Kind auch medikamentös.[41]

Aus einer Studie von Wildermuth und Sant'Unione:[42]

„Der Junge sah als einziges Ziel für sich das Wiederabsetzenkönnen der Tabletten, die er ablehnte, da er dadurch den Eindruck bekam, 'krank zu sein'. Das kränkte ihn zusätzlich. Er hatte Angst, die Mitschüler könnten herauskriegen, dass er Tabletten nahm und ihn hänselten. Die Vorstellung, dass bei ihm im Gehirn etwas nicht funktionierte, versetzte ihn nahezu in hypochondrische Angst, während die Eltern die 'Krankheitshypothese' als eher entlastend fanden, da sie damit mit dem Verhalten des Jungen am wenigsten zu tun hatten.“

Andererseits ermöglicht eine Pharmakotherapie vor allem in schweren Fällen oftmals erst den Therapieeinstieg und damit eine Entlastung und Verbesserung der Gesamtsituation des Betroffenen und seines Umfelds. Ein besonderer Stellenwert kommt daher einer gründlichen Anamnese und Diagnostik und einer vollumfänglichen Psychoedukation, das heißt der Aufklärung über Möglichkeiten und Grenzen, die Wirkungsweise, die jeweiligen Vor- und Nachteile sowie der Indikation der medikamentösen Behandlung zu.

ADHS-Diabetes-Vergleich

Gelegentlich wird von Laien, seltener aber auch von Fachpersonen oder Vertretern der pharmazeutischen Industrie der Vergleich vorgebracht, Menschen mit ADHS-Diagnose benötigten Medikamente gleichermaßen, wie ein Diabetiker sein (faktisch lebensnotwendiges) Insulin benötigt.[43][44] Da ADHS jedoch eine dimensionale und zudem nicht lebensbedrohliche Störung ist, bei welcher sich die Medikamentenindikation nach der jeweiligen Symptomausprägung und dem Leidensdruck des Patienten richtet, ist dieser Vergleich neben seiner fachlichen Inkorrektheit zudem als irreführend zu bezeichnen. Darüber hinaus handelt es sich bei Insulin und beispielsweise Methylphenidat um vollkommen unterschiedliche Wirkstoffgruppen, deren Wirkungsprofile keine gemeinsamen Schnittpunkte haben. So wirkt Insulin nicht psychotrop, während Methylphenidat naturgemäß eine psychotrope Wirkung besitzt.

Kritik des UNO-Kontrollrats INCB

Ein Bericht des UNO-Drogenkontrollrats (INCB) des Jahres 2014 stellt einen weltweiten Verschreibungsanstieg von Methylphenidat um 70% zwischen den Jahren 2012 und 2013 fest.[45] Laut INCB könnte dieser Anstieg unter anderem auf einen Mangel an genauen Verschreibungsrichtlinien zurückzuführen sein.

Verschwörungsvorwürfe gegenüber der Pharmaindustrie

Siehe auch: Ritalin-Sammelklagen

Im Jahr 2000 wurden in den Vereinigten Staaten insgesamt fünf Sammelklagen eingereicht, nach deren Gegenstand der Pharmahersteller Novartis im Bündnis mit der American Psychiatric Association und dem CHADD das Krankheitsbild der ADHS lediglich erfunden und die Vermarktung des Krankheitsbilds ADHS vorangetrieben haben sollen, um mit dem steigenden Absatz des Medikaments einen profitablen Markt zu schaffen. Alle fünf Klagen wurden bis 2002 abgewiesen oder zurückgezogen. Nach dem Urteil des Gerichts seien „alle der vorgebrachten Anklagepunkte völlig unbegründet gewesen".[46] Die Medienresonanz der Klagen, deren Verhandlungen sich bis ins Jahr 2002 zogen, erwirkte jedoch weltweit Aufmerksamkeit und entfachte kontroverse Streitpunkte und konspirative Diskussionsgrundlagen, die von Kritikern und in Medienberichten bis heute immer wieder aufgegriffen werden, obgleich diese bis heute wissenschaftlichen Belegen oder justiziablen Beweisen entbehrt haben.

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Passende Filme zum Thema

Siehe auch

Weblinks

Literatur

  • Manfred Döpfner, Tobias Banaschewski: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). In: Franz Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. Hogrefe, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8409-2447-7, S. 271–290.
  • Johanna Krause, Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen. 3. vollst. akt. und erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7945-2533-1.
  • Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Brandl, Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Schriften des Sigmund-Freud-Institutes Bd. 4. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-45178-4.

Weitere interessante Artikel

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Quellen

  1. http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/inhalt/archiv/issue/1024/manuscript/12571/download.html
  2. http://link.springer.com/article/10.1007/s00115-005-1970-1
  3. http://www.adhsnetz-koeln.de/pdf/Kindhentw.pdf
  4. https://www.uni-marburg.de/ivv/downloads/praesentationen/adhs081217becker
  5. https://www.kvwl.de/arzt/verordnung/arzneimittel/info/invo/methylphenidat_invo.pdf
  6. http://www.sgipt.org/gipt/hypak/ritalin/rit_inf0.htm
  7. http://www.dgspj.de/media/lladhs.pdf
  8. Taylor, E. (1999). Development of clinical services for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Archives of General Psychiatry, 56,1097-1099
  9. http://www.adhsnetz-koeln.de/pdf/Kindhentw.pdf
  10. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/mitteil2014/pm05-2014.html
  11. vgl. https://www.uni-marburg.de/ivv/downloads/praesentationen/adhs081217becker
  12. vgl. https://www.kvwl.de/arzt/verordnung/arzneimittel/info/invo/methylphenidat_invo.pdf
  13. http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.7.47.3161.3163.3167
  14. http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005106/05_Lattouf_Therapie.pdf?hosts=
  15. Barkley, R.A., ADHD in the classroom. Strategies for teachers. Program manual. London: Guilford Press.
  16. Lauth, G., Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern, Aufl. 6, s. 257
  17. http://www.zentrales-adhs-netz.de/uploads/media/Fehlinformationen_der_Presse_zur_ADHS_Mrz_01.pdf
  18. psychoneuro, 2006, 32, S. 296–297.
  19. http://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/RHB/Archiv/2005/63_20050929.pdf
  20. http://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/RHB/Archiv/2011/20111207.pdf
  21. http://www.bmg.bund.de/ministerium/presse/pressemitteilungen/2013-02/kabinett-beschliesst-27-btmaendv.html
  22. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/58910/GKV-uebernimmt-Behandlungskosten-fuer-neues-ADHS-Medikament
  23. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=40452
  24. http://www.dgsp-ev.de/fileadmin/dgsp/pdfs/PPPraesentationen_Vortraege/Studie_fuer_ADS250605-bb.pdf
  25. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD009885.pub2/abstract
  26. Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Ritalin®/- SR/- LA; Stand der Informationen: März 2012.
  27. http://onlinelibrary.wiley.com/enhanced/doi/10.1002/14651858.CD009885.pub2#de_short_abstract
  28. http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/behandlung-von-adhs-ritalin-wirkt-deutlich-weniger-als-gedacht-1.2751800
  29. http://www.heise.de/tr/artikel/Keine-Pille-fuer-alle-Faelle-3088830.html
  30. http://adhspedia.de/Downloads/studien/Methylphenidat_und_Suchtentwicklung.pdf
  31. http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002733
  32. https://blog.thestever.net/2012/12/28/my-experience-using-silkroad-an-online-drug-website/
  33. http://www.sueddeutsche.de/karriere/gehirn-doping-jeder-sollte-mit-pillen-seine-intelligenz-steigern-duerfen-1.180502
  34. Guilherme Finger, Emerson Rodrigues da Silva, Asdrubal Falavigna: Use of methylphenidate among medical students: a systematic review. In: Revista da Associacao Medica Brasileira (1992). 59, Nr. 3, Mai/Juni 2013, S. 285–289.
  35. http://web.archive.org/web/20070622000608/http://www.agadhs.de/public/wsdn/dpa_warnung_spaetfolgen.html
  36. http://wwwuser.gwdg.de/~ukyk/dgkjpp.pdfhttp://wwwuser.gwdg.de/~ukyk/dgkjpp.pdf
  37. http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/medizinische_fakultaet/news/news-20100324-methylphenidat
  38. Greely, Henry; Barbara Sahakian, John Harris, Ronald C. Kessler, Michael Gazzaniga, Philip Campbell, Martha J. Farah (2008), http://www.nature.com/nature/journal/v456/n7223/full/456702a.html
  39. Koch-Hegener, Straten, Günter, 2009
  40. http://www.lwl.org/psychiatrie-marsberg-download/PDF/Trost_neu.pdf
  41. http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/adhs-ritalin-fallzahlen-mitteldeutschland-100.html
  42. http://www.dgsp-ev.de/fileadmin/dgsp/pdfs/PPPraesentationen_Vortraege/Studie_fuer_ADS250605-bb.pdf
  43. Bspw.: Sroufe, Stewart, New England Journal of Medicine, 1973, p.411
  44. Bspw.: http://therapeutisches-haus.de/2001/11/26/hyperaktive-kinder-und-ritalin/
  45. http://www.unis.unvienna.org/unis/en/events/2015/incb_2015.html
  46. http://web.archive.org/web/20050317092350/http://gradda.home.isp-direct.com/sp01chad.html


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