Leandro Panizzon

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Leandro Panizzon mit Ehefrau Marguerite „Rita" Panizzon

Leandro Panizzon (*1907 in Mailand, Italien; † 2003) war ein italienischer Chemiker und Angestellter der schweizer Pharmafirma Ciba (Novartis). Er gilt als Entdecker des heute zur Behandlung von ADHS eingesetzten Psychostimulans Methylphenidat und Namensgeber des Methylphenidat-haltigen Präparats Ritalin.

Entdeckung von Methylphenidat und Namensgebung von Ritalin

Leandro Panizzon als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Ciba (1937). Nachdem er 1944 Methylphenidat entdeckt hatte, avancierte er in den Folgejahren zum Vize-Direktor des Konzerns.[1]

Panizzon war Mitarbeiter des schweizer Pharmaunternehmens Ciba und 37 Jahre alt, als er im Jahr 1944 den Wirkstoff Methylphenidat entdeckte. Er stellte diesen durch eine Synthetisierung aus Phenylacetonitril und 2-Chlorpyridin her.[2] Wie zu dieser Zeit üblich, testete Panizzon den neuen Wirkstoff an sich selbst. Nachdem dieser bei ihm selbst keine besondere Wirkung zeigte, beschloss er, ihn an seiner Frau, Marguerite Panizzon, zu testen, die an niedrigem Blutdruck litt. Panizzon hatte die Vermutung, dass die neu entdeckte Verbindung bei seiner Frau positive Wirkungen zeigen könnte. Marguerite berichtete nach dem Tennisspiel über eine deutlich zu vernehmende Leistungssteigerung, die offenbar mit der Einnahme von Methylphenidat zusammenzuhängen schien. Im Anschluss taufte Leandro Panizzon den neu entdeckten Wirkstoff auf den Namen Ritalin, eine Anspielung auf den Kosenamen Rita seiner Frau.

Im Jahr 1950 ließen Panizzon und Max Hartmann ein verbessertes Herstellungsverfahren von Methylphenidat in den Vereinigten Staaten patentieren (US-Patent-Nummer 2507631).[3][4]

Synthesevorgehen nach Panizzon

Methylphenidat kann auf verschiedenen Wegen synthetisiert werden.[5] Der von Panizzon im Jahr 1944 entdeckte Syntheseweg führt zu einem Diastereomerengemisch der Substanz.[6] Neuere Syntheserouten hingegen ermöglichen die selektive Herstellung von Dexmethylphenidat oder threo-Methylphenidat.

Der von Panizzon entdeckte Syntheseweg stellt den klassischen Weg zur Herstellung von Methylphenidat dar. Zunächst wird im basischen Milieu Benzylcyanid mit 2-Choropyridin arylliert, woraufhin das erhaltene Phenyl-(2-pyridil)-acetonitril im Sauren hydrolysiert und mit Methanol zum entsprechenden Methylester verestert wird. Die folgende Reduktion des Pyridinrings mit Wasserstoff unter Platin-Katalyse in wässriger Essigsäure führt zu einem Diastereomerengemisch von Methylphenidat.[7] Die energetisch begünstigten threo-Isomere lassen sich aus den Erythro-Isomeren des Diastereomerengemischs durch Epimerisierung gewinnen.

Weitere Entwicklung von Ritalin

Methylphenidat wurde zunächst intravenös zur Behandlung von Barbituratvergiftungen eingesetzt.[8] 1954 wurde es unter dem Handelsnamen Ritalin als Mittel zur Behandlung von psychiatrischen Störungen vom schweizer Pharmaunternehmen Ciba patentiert. 1955 wurde Ritalin zur Behandlung zahlreicher Indikationen vorgestellt und zugelassen, darunter Depressionen, Müdigkeit und Narkolepsie. Im Jahr 1957 erfolgte die Markteinführung in Europa.

In den 1960er Jahren konnten eine erste placebokontrollierte Studie sowie vier weitere Untersuchungen belegen, dass Methylphenidat positive Wirkungen bei Symptomen der Impulsivität, Hyperaktivität sowie Aufmerksamkeitsstörungen hat. Im Jahr 1968 untersuchte der Kinderneurologe J. Gorden Millichap die Wirksamkeit von Methylphenidat im Vergleich zu Amphetaminen und kam zum Schluss, dass Methlyphenidat zur Behandlung der betreffenden Symptome bei Kindern und Jugendlichen „Mittel der Wahl" sei. Von den 337 Patienten zeigten 84 % Symptomverbesserungen nach Gabe von Methylphenidat. Dem gegenüber standen 69 % der 415 Patienten mit gebesserten Symptomen nach Gabe von Amphetaminen.[9] 20 Jahre nach der Patentierung erlosch das Patent am Wirkstoff Methylphenidat.

Während der Gültigkeitsphase des Patents verzeichnete Ciba vergleichsweise geringe Absatzzahlen mit dem Präparat. Zwar sind die Wirkungen von Amphetaminen auf hyperaktive und impulsive Verhaltensstörungen bereits seit den 1930er Jahren beschrieben und Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen werden bereits seit 1937 mit Psychostimulanzien behandelt, allerdings erfuhr das Präparat seinen massiven Absatzanstieg erst nach der erstmaligen Definition der ADHS als eigenständiges Störungsbild in den 1980er Jahren. Im Jahr 1993 wurden in Deutschland 34 Kilogramm Methylphenidat abgesetzt, im Jahr 2009 bereits 1,7 Tonnen, was einem Verschreibungsanstieg um 700 % entspricht. In den USA verzeichnete die DEA bereits in den 1990er Jahren einen Absatzanstieg über 500 % von 1990 bis 1996. Seit dem Erlöschen des Patents wird Methylphenidat unter zahlreichen Handelsnamen (Generika) und Varianten (zum Beispiel Retardpräparate oder Pflaster) unterschiedlicher Hersteller vertrieben.

Bis April zu seiner Einstufung als Betäubungsmittel im April 1971[10] war Methylphenidat in Deutschland rezeptfrei erhältlich.

Siehe auch

Weblinks

  • International Network for the History of Neuropsychopharmacology: Methylphenidate

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. http://www.unternehmerzeitung.ch/ausserdem/schweizer-pioniere/panizzons-wunderpille/
  2. Panizzon L. La preparazione di piridil-e piridilarilac – tonitr ilie di alcuni prodotti transformazione (part la). Helv Chim Acta 1944; 2: 1748-56.
  3. http://inhn.org/drugs/methylphenidate.html
  4. Panizzon L et al. "Pyridine and piperdjine compounds" U.S. Patent 2507631 publié le 16 mai 1950
  5. Axel Kleemann, Jürgen Engel, Bernd Kutscher, Dieter Reichert: Pharmaceutical Substances. 4. Auflage. 2 Bände. Thieme-Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 978-1-58890-031-9
  6. Pannizon L: La preparazione di piridil- e piperidil-arilacetonitrili e di alcuni prodotti di trasformazione (Parte Ia). In: Helv. Chim. Acta. 27, 1944, S. 1748–1756
  7. Gray D. L.: Approved treatments for attention deficit hyperactivity disorder. In: Johnson D. S., Li J. J. (Hrsg.): The Art of Drug Synthesis. John Wiley & Sons, 2013, ISBN 1-118-67846-X.
  8. Rosenberg DG, Rape WC, Rumble LJ. Parenteral mehylphenidate administration HCl (Ritalin) in barbiturate intoxication. J Med Assoc Ga 1959; 48: 19-21.
  9. https://goo.gl/UQ7EAS
  10. http://www.eve-rave.net/abfahrer/recht.sp?text=121&cat=1&page=0