ADHS-Teufelskreis

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Sehr vereinfachte schematische Darstellung eines ADHS-typischen Teufelskreises, der sich auf die Wechselwirkungen des Aufmerksamkeitsdefizits, negativer sozialer Rückmeldungen und sich daraufhin entwickelnden Begleitstörungen bezieht.

Als ADHS-Teufelskreis (lat. circulus vitiosus, auch: Abwärtsspirale) werden im ADHS-Kontext Problematiken bezeichnet, bei denen sich mehrere Faktoren, die Bestandteil der Problematik sind, systematisch gegenseitig verstärken. Als wesentliche Bestandteile solch eines negativen Kreislaufs bei ADHS können Komorbiditäten gesehen werden, da sie die ADHS-Symptomatik verstärken, woraufhin sich wiederum auch die komorbiden Beschwerden verschlechtern. Beispielsweise hat eine geringe selektive Aufmerksamkeitsleistung Auswirkungen auf die zu erbringenden schulischen oder beruflichen Leistungen, was zu Tadeln und Kritik seitens des Lehrers oder des Vorgesetzten führen wird. Diese (häufigen) Tadel gehen zu Lasten des Selbstwertgefühls, was zum Beispiel eine Entwicklung komorbider Depressionen begünstigt. Letztere vermindern wiederum die Aufmerksamkeitsleistung. Solch ein Teufelskreis wirkt sich letztlich auf alle Lebensbereiche aus.

Die Entwicklungsdynamik der bei ADHS typischen Abwärtsspirale ist maßgeblich am Ausprägungsgrad der Gesamtsymptomatik beteiligt. Je mehr negativ beeinflussende Faktoren bestehen, desto schwerer und behandlungsrefraktärer zeigt sich die Gesamtsymptomatik bzw. das klinische Bild.

ADHS-Teufelskreise wurden von verschiedenen Autoren beschrieben und schematisiert, zum Beispiel von Manfred Döpfner,[1] Martin Winkler[2] oder Götz-Erik Trott.[3] Im eigentlichen Sinne besitzen die beschriebenen ADHS-Störungsmodelle (zum Beispiel von Döpfner, Safren) bereits die Implikation eines Teufelskreises.

Entwicklung des ADHS-Teufelskreises

Komplexeres Teufelskreis-Modell für ADHS bei Erwachsenen (Modifikation n. Störungsmodell von Safren et al.), das mehrere Lebensbereiche berücksichtigt. Es werden die zahlreichen unterschiedlichen Bereiche deutlich, welche von der ADHS-Symptomatik und Komorbiditäten beeinflusst werden.
Teufelskreis-Modell für ADHS im Kindes- und Jugendalter für die Dimension Peergroup.

Teufelskreise, wie sie für ADHS beschrieben werden, können und müssen in verschiedenen Dimensionen betrachtet werden, da (ausgehend von der ADHS als Primärdiagnose) in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Lebensbereiche auf unterschiedliche Weise von der ADHS-Symptomatik betroffen sind.

So beinhaltet die ADHS-Gesamtproblematik im Kindes- und Jugendalter (allein für das betroffene Kind) eine geringere Zahl an Wirkfaktoren und betroffenen Lebensbereichen, als im Erwachsenenalter. Außerdem lassen sich innerhalb des ADHS-Problemkonglomerats in unterschiedlichen Dimensionen jeweils einzelne Teufelskreise beschreiben, welche miteinander konfundiert sind und sich ihrerseits überlappen und auch wechselseitig beeinflussen. Im Erwachsenenalter betrifft dies beispielsweise isolierte Teufelskreise im Bereich Familie, hinsichtlich der Kindererziehung oder im Beruf. Im Kindes- und Jugendalter sind vornehmlich die Bereiche Schule, Peergroup und die Auswirkungen auf das Familienleben betroffen.

Darüber hinaus muss auch die Dimension der persönlichen Entwicklung im Längsschnitt beachtet werden. Das bedeutet, dass ein frühes Vorhandensein einer ADHS-Symptomatik und -Problematik (im Kindesalter) bereits die Weichen für eine Zuspitzung der Situation (bzw. Erweiterung des Teufelskreises) im Erwachsenenalter stellen kann. Angesichts solcher negativer Prognosen, welche durch Längsschnittstudien gestützt werden,[4][5] wird die Relevanz einer möglichst frühen Intervention (Therapie) deutlich.

Durchbrechen des Teufelskreises

Das Ziel eines „Durchbrechens“ des ADHS-typischen Teufelskreises stellt hohe Anforderungen an den Betroffenen und seinen Therapeuten, da eine hierarchische Einschätzung und der Bezug der meist zahlreichen dysfunktionalen Bereiche oft nicht klar zu durchblicken ist. Man geht in der Regel davon aus, dass eine ADHS mit neurobiologischer Genese (bzw. genetisch-neurobiologischer Mitverursachung) beim Betroffenen oder als erbliche Störung in der Familie die primäre und initiale Ursache und Problemquelle darstellt. Die Therapie sollte deshalb vor allem bei krisenhaften Zuspitzungen (Verlust des Arbeitsplatzes, drohende Exmatrikulation, Schulverweis/sitzenbleiben und so weiter) zunächst (gegebenenfalls unter Zuhilfenahme von Medikamenten) auf eine Reduzierung der ADHS-Symptomatik abzielen. Der Faktor Medikamente steht eingeklammert, weil eine pharmakotherapeutische Therapieergänzung lediglich bei schwerer und sehr schwerer Ausprägung indiziert ist. Wenn ein ADHS-Betroffener jedoch mit einer komplexen und verhärteten Teufelskreis-Situation konfrontiert ist, wie sie in Abbildung 2 schematisiert ist, kann davon ausgegangen werden, dass es sich eher um eine schwere Gesamtsymptomatik mit schwerer hyperkinetischer Ausprägung handelt. In diesem Fall ist eine Therapieergänzung mit Medikamenten sinnvoll und manchmal angesichts der kritischen Situation unumgänglich. Auch kann in besonders schweren Fällen oder aber unter schwierigen häuslichen Umständen eine stationäre Therapie angedacht werden, um eine Entschärfung der akuten Situation zu ermöglichen.

Im weiteren Verlauf sollte im Rahmen der Psychotherapie gemeinsam mit dem Patienten ein hierarchisch strukturiertes Konzept entwickelt und angewandt werden, bei dem zunächst die Bereiche bearbeitet werden, welche das klinische Bild am stärksten zu beeinflussen scheinen. Welche dies sind, ist individuell verschieden. Es kann sich dabei um weitere komorbide Störungen (sehr häufig Depressionen), dysfunktionales Verhalten oder schulische oder berufliche Schwierigkeiten handeln.

Siehe auch: Multimodale Therapie.

Erblichkeit und Prävention

Es bestehen deutliche Hinweise, dass ADHS vererbt wird (→ siehe auch: Ätiologie). Eltern, Geschwister und andere Verwandte haben gemäß diverser Untersuchungen ein etwa drei- bis fünffach erhöhtes Risiko ebenfalls an ADHS zu erkranken, wobei biologische Eltern etwa sechsmal häufiger an ADHS leiden, als Adoptiveltern.[6][7] Familien, die mehrfach von ADHS betroffen sind, sind einer vielfach erhöhten Belastung ausgesetzt. Eine möglichst frühe Einleitung von Präventionsmaßnahmen kann insofern - bei Vorhandensein einer problematischen ADHS-Symptomatik - angedacht werden. Hinsichtlich Präventionsmaßnahmen für ADHS wurde von 2004 bis 2006 in 14 Kindertagesstätten (n=500 Kinder) eine Studie durchgeführt, mit der die Wirksamkeit einer ADHS-Präventionsmaßnahme untersucht werden sollte. Dabei handelte es sich um ein Konzept aus Elternarbeit, Schulung der ErzieherInnen, Einzel- und Familientherapien bei dysfunktionalen Familien, wöchentlicher psychoanalytisch-pädagogischer Arbeit und Team-Supervision. Im Ergebnis zeigten die Kinder der Interventionsgruppe signifikant geringere Aggressionen und Ängstlichkeit.[8]

Siehe auch: Risikofaktoren.

Siehe auch

Weblinks

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. Döpfner, Schürmann & Frölich (2002). Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP). (3. Aufl.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union
  2. https://adhsspektrum.wordpress.com/2013/02/27/teufelskreis-adhs/
  3. Prof. G.-E. Trott, Vortrag am 16.02.2000, München
  4. Biederman, J., Petty, C. R., Evans, M. Small, J. & Faraone, S. V. (2010). How persistent is ADHS? A controlled 10-year follow up study of boys with ADHD. Psychiatry Research, 177, 200-304.
  5. http://www.lauth-schlottke.de/adhs-infodienst/adhs-kinder-10-jahre-spater-%E2%80%93-was-ist-aus-ihnen-geworden-vorstellung-einer-us-amerikanischen-langsschnittstudie/
  6. Asherson P, IMAGE-Consortium: Attention-deficit hyperactivity disorder in the post-genomic era. Eur Child Adolesc Psychiatry 2004; 13 (suppl 1):I150-70.
  7. Sprich S, Biederman J, Crawford MH, Mundy E, Faraone SV:Adoptive and biological families of children and adolescents with ADHD. J Am AcadChild Adolesc Psychiatry 2000; 39(11): 1432-37.
  8. http://www.sfi-frankfurt.de/forschung/archiv-der-forschungsprojekte/frankfurter-praeventionsstudie.html