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Kausalattribuierung

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Schematische Darstellung eines Kausalschlusses
Einfache schematische Darstellung internaler und externaler Kausalattribuierung

Als Kausalattribuierung oder Kausalattribution werden subjektive Deutungen bezeichnet, mit deren Hilfe sich Personen im Alltag die Wirkungen von Handlungen und Ereignissen kausal (nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip) zu erklären suchen. Beobachtete Ereignisse werden dabei auf naiv psychologische und wissenschaftliche Weise analysiert und auf eine mögliche Ursache zurückgeführt. Es wird zwischen internaler und externaler Kausalattribuierung unterschieden. Beide Arten der Attribuierung werden von allen Menschen alltäglich vorgenommen.

Externale und internale Kausalattribuierung

Eine externale Kausalattribuierung (impersonal causation) liegt vor, wenn eine Person die Ursache eines Ereignisses (z.B. für Erfolg / Misserfolg in Leistungssituationen) bei anderen Personen, Faktoren oder Umwelteinflüssen sieht.

Eine internale Kausalattribuierung (personal causation) liegt vor, wenn eine Person die Ursache eines Ereignisses (z.B. für Erfolg / Misserfolg in Leistungssituationen) bei sich selbst sieht.

Zumeist neigt der Mensch dazu, seinen eigenen Erfolg mit internalen Kausalattribuierungen zu begründen. Er sieht die Ursachen für seinen Erfolg dann beispielsweise in den eigenen Leistungen, Fähigkeiten oder in seiner Intelligenz begründet. Bei Misserfolg werden bevorzugt externale Kausalattribuierungen herangezogen, etwa wenn eine misslungene Examensarbeit mit der fachlichen Inkompetenz des Korrekteurs begründet wird. Die externe Kausalattribuierung stellt gegebenenfalls einen Schutz des eigenen Selbstwertgefühls dar.

Auch projizierte, internale Kausalattribuierungen können dem Selbstschutz dienen: etwa dann, wenn sich eine dritte Person in einer Notlage befindet („er hat selbst Schuld wenn er keinen gutbezahlten Job hat. Wer einen guten Job möchte, der muss Abitur machen. Und jeder hat in diesem Land die Möglichkeit, das Abitur zu machen"). Der Beobachtende bewahrt sein eigenes Selbstwertgefühl und versucht, seinen Glauben an das Ideal einer gerechten Welt aufrechtzuerhalten, indem er die Situation als grundsätzlich kontrollierbar kennzeichnet (Gerechte-Welt-Hypothese).[1] So werden äußere Einflussfaktoren, die außerhalb des Einflussspektrums liegen, wie etwa eine schwere Kindheit, eventuelle Behinderungen, ein bestimmtes soziales Milieu, Migrationshindergründe oder auch ADHS, nicht berücksichtigt.

Kausalattribuierung und ADHS

Insbesondere dann, wenn ADHS-Betroffene unter einem nur schwach ausgebildeten Selbstvertrauen leiden, neigen sie häufiger zu eiseitigen Attributionen. Oftmals fällt es ihnen dann, auch aufgrund ihrer abschweifenden Denkweise, schwer, das eigene Verhalten, die eigene Leistung und die persönlichen Einflussmöglichkeiten zu reflektieren. Kritische Hinweise auf Attributionsfehler können dann manchmal dazu führen, dass sich die jeweilge Deutung perseverativ verhärtet. Betroffene können dann im Außenbild überheblich oder anmaßend wirken, worunter die Betroffenen in der Konsequenz oftmals leiden. Je nach Reflexionsvermögen (oder Reflexionsbereitschaft) sind sich Betroffene ihrer Neigung zum maladaptiven Attribuieren nicht immer bewusst. Die Verbesserung der Einschätzung der eigenen Leistungsressourcen, die Stärkung des Selbstvertrauens sowie die Verbesserung der Reflexionsfähigkeiten stehen daher zur Bildung positiver Attributionsmuster therapeutisch im Vordergrund.

Auch sind im Zusammenhang mit ADHS maladaptive, internale Kausalattribuierungen häufig. Diese scheinen im Vergleich eher bei hypoaktiven Betroffenen aufzutreten. Die Betroffenen glauben dann einerseits, dass sämtliche negative Ereignisse auf das eigene Fehlverhalten zurückzuführen sind. Andererseits sind bei ADHS-Betroffenen im internen Attributionsbereich auch maladaptive internale Kontrollüberzeugungen beobachtbar, die in der Folge mit Selbstüberschätzung, Realitätsverlust oder auch Depressionen einhergehen und den Charakter einer bipolaren Störung haben.[2]

Ein besonderer Leidensdruck wird entwickelt, wenn Erfolg stets external und Misserfolg stets internal interpretiert wird. Erfolge werden dann auf Glück, Zufall oder einfache Aufgabenstellungen zurückgeführt, während Misserfolge als Resultat mangelnder Begabung erlebt werden. Das therapeutische Ziel stellt dann der Aufbau einer einer realistischeren Selbsteinschätzung sowie einer positiven Selbstbewertung dar.

Gefahren

Mehrere Untersuchungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen ADHS und selbstwertdienlichen Verzerrungen hin[3][4]. In diesem Zusammenhang sind Unfallgefährdungen aufgrund achtlosen Verhaltens infolge defensiver Attributionen denkbar, z.B. bei risikoreichen Sportarten oder auch im Straßenverkehr.

Studien

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Literatur

  • Elliot Aronson: The Social Animal. Worth, New York 1999
  • F. Rheinberg: Motivation. Kohlhammer, Stuttgart 2002
  • Bernard Weiner: Motivationspsychologie. Beltz, Psychologie-Verl.-Union, Weinheim 1994
  • Bernhard Weiner: An attributional theory of motivation and emotion. Springer, New York 1986

Quellen

  1. Wikipedia: Gerechte-Welt-Glaube
  2. Arthur Lieder, Selbstkonzepte, Kontrollüberzeugungen und Handlungskontrolle bei erwachsenen Patienten mit ADHS vor und unter Behandlung mit Methylphenidat (2007)
  3. Iska Schewe, Positive Fantasien und Selbstüberschätzung bei ADHS-Kindern, Universität Konstanz, 2007
  4. Horza, B., Gerdes, A. C., Hinshaw, S.P., Arnold, L.E., L. & Odbert, C. (2004). Self-perceptions of competence in children with ADHD and comparison children. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 72, 382-391