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Token-System

Aus ADHSpedia
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In einem Gefäß gesammelte, als Token dienende Murmeln

Als Token-Systeme (vom englischen token coin, übersetzt Wertmarke oder Jeton), die auch als Verstärkerpläne bezeichnet werden, werden auf den Prinzipien der operanten Konditionierung beruhende Verfahren der Verhaltenstherapie bezeichnet, die den Aufbau erwünschten Verhaltens unterstützen sollen.[1]

Als sekundärer Verstärker wirkt ein Token, ähnlich wie ein Tauschmittel oder eine Währung, zur Überbrückung der zeitlichen Verzögerung zwischen dem erwünschten Verhalten und der primären Verstärkung (der eigentlichen Belohnung). So muss beispielsweise eine bestimmte Anzahl an Punkten, Murmeln, Chips o.ä. gesammelt werden, bevor die eigentliche Belohnung, zum Beispiel ein Ausflug oder ein anderer vom Betroffenen begehrter Verstärker, erfolgt. Aufgrund dieses Schaffens systematischer Anreize soll dabei die Motivation des Betroffenen möglichst kontinuierlich unterstützt werden.

Neben Token-Systemen, die mit Prinzipien der positiven Verstärkung arbeiten, sind auch Systeme mit Verlustmöglichkeit möglich (Response-Cost). Auch ist es möglich, die Tokenausgabe mit fortschreitendem Therapieerfolg und bei entsprechender Stabilisierung sukzessiv zu reduzieren (intermittierende Verstärkung).

Token-Systeme bzw. Prinzipien der operanten Verstärkung zeigen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS sehr häufig hohe Effektstärken, weshalb sich ihr Einsatz zur Konditionierung erwünschten Verhaltens sowohl im schulischen, als auch im therapeutischen oder häuslichen Umfeld empfiehlt.

Token-Merkmale

Als Token verwendete Sticker - die verwendeten Gegenstände sollten keinen hohen Sachwert haben und lediglich als Symbole dienen

Token sind kleine Gegenstände oder Symbole mit geringem Wert. Sie können beliebig gewählt werden, da sie, ähnlich wie Geld, lediglich einen Tauschwert haben. Exemplarisch können als Token verwendet werden:

  • Spielchips
  • Spielfiguren
  • Sticker
  • Murmeln
  • Smileys
  • Stempel (z.B. in Stempelheften)
  • Karten
  • etc.

Wichtig ist, dass die Token ausschließlich innerhalb des Systems ihren Gegenwert erhalten, weshalb unbedingt wertarme Gegenstände verwendet werden sollten. Die Vergabe der Token muss zudem zeitlich unmittelbar auf das Verhalten möglich sein, das heißt, die sekundäre Belohnung muss sofort erfolgen können.

Vor allem bei Anwendung im häuslichen Bereich drohen Token ihre Wirkung zu verlieren, wenn nicht zusätzlich Protokoll über die erhaltenen Belohnungen geführt wird, die Token in einem verschlossenen Gefäß aufbewahrt werden o.ä. Werden beispielsweise Murmeln verwendet, so könnte sich der Teilnehmer diese auch in beliebiger Anzahl selbst besorgen, wodurch das System seine Wirkung verfehlen würde.

Formen

Positive Verstärkung

Zusätzlich zur sozialen Verstärkung (Lob, lächeln, Zuwendung) bringt die Anwendung eines Token-Systems für den Teilnehmer insbesondere den Vorteil mit sich, dass erreichte Erfolge sichtbar gemacht werden. Die Visualisierung der einzelnen kleinen Erfolge wirkt auch kognitiven Verzerrungen entgegen, da Menschen Misserfolge und Tadel häufig stärker gewichten, als eigene Erfolge. Deshalb kann es hilfreich sein, den Vergabegrund für den jeweiligen Token zusätzlich in einem Protokoll festzuhalten.

Beispiel eines positiv-verstärkenden Token-Systems

Das nachfolgende Beispiel von Whitlock [2] illustriert die Anwendung eines intermittierenden positiv-verstärkenden Token-Systems:

Ein siebenjähriger Grundschüler erhält aufgrund seiner Schwierigkeiten beim schriftlichen Dividieren einen spezialisierten Förderunterricht. Im Rahmen des Förderkurses wird vereinbart, dass er für jede richtige Reaktion bzw. für jede korrekt gelöste Aufgabe einen goldenen Taler aus Kunststoff (sekundärer Verstärker) erhält. Des Weiteren ist Teil der Vereinbarung, dass er, sobald er 36 Taler gesammelt hat, eine Belohnung seiner Wahl erhält (primärer Verstärker), zum Beispiel einen Kinobesuch oder einen Ausflug in einen Vergnügungspark.

Nachdem der Junge 36 Taler erreicht hat und die Belohnung erfolgt ist, wird die benötigte Taleranzahl in der Folgezeit erhöht, oder die benötigte Anzahl an korrekt gelösten Aufgaben wird gesteigert. So werden zum Erreichen der Hauptbelohnung (des primären Verstärkers) ab sofort 72 Taler benötigt, bzw. für jede zweite richtige Aufgabe ein Taler vergeben usw. Haben sich die Leistungen des Jungen auf dem gewünschten Niveau stabilisiert, wird das Tokensystem ganz ausgesetzt und kann ggf. für andere Zielsetzungen verwendet werden. Dieses Verfahren der sukzessiven Belohnungsreduktion bis hin zum gänzlichen Aussetzen derselben wird auch als fading (dt. verblassen) bezeichnet.

Reponse-Cost-System

Anders als bei Token-Systemen können die erlangten sekundären Belohnungen beim Response-Cost-System (auch Verstärker-Entzugs-Systeme genannt) bei unerwünschtem Verhalten wieder entzogen werden. Response-Cost-Systeme beinhalten also neben der positiven Verstärkung auch eine Bestrafungskomponente. Response-Cost-Systeme sollten Vor Anwendung gut durchdacht werden, vor allem, um eine unausgewogene Belohnungs-/Bestrafungsrelation zu vermeiden, da eine solche nicht zur gewünschten Verhaltensänderung führen wird. Ein möglicher Richtwert stellt bspw. ein 3:1 Verhältnis zwischen Belohnung und Bestrafung dar.

Beispiel eines Response-Cost-Systems

Eine 16-jährige Schülerin macht nur unregelmäßig Schulaufgaben und verbringt nur selten Zeit mit dem Lernen. Weder ein gemeinsames Gespräch mit ihren Eltern und der Klassenlehrerin, noch Bestrafungen oder Ermahnungen konnten Verhaltensänderungen herbeiführen. Als die Mutter der 16-Jährigen Mitte April dem langjährigen Familienarzt von der Problematik berichtet, schlägt dieser vor, der Tochter für jede halbe Stunde, die sie mit den Hausaufgaben oder mit dem Lernen von Vokabeln verbringt, einen Credit-Point zu vergeben. Diese Credit-Points werden in Form eines Häkchens auf einem gut sichtbaren Blatt Papier in der Küche festgehalten.

Da die Tochter in den Sommerferien, die in 90 Tagen beginnen, gerne mit Freundinnen nach Ibiza möchte, vereinbart die Mutter mit ihr, dass sie bis dahin 180 Credit-Points gesammelt haben muss. Sekundäres Gesamtziel ist also ein durchschnittlicher Lernaufwand von einer Stunde am Tag, um in den Sommerferien mit der gewünschten Reise belohnt zu werden (Primärziel). Für jeden Tag, an dem die Tochter sich nicht mindestens eine halbe Stunde mit Schularbeiten beschäftigt, wird ihr jedoch ein Credit-Point abgezogen (Durchstreichen des Häkchens). Ausnahmen bilden bspw. wichtige Termine oder Krankheitstage, an denen das Lernen nicht möglich ist.

Die Tochter kann dabei beliebig über ihre Zeiteinteilung bestimmen. Dies hat auch den Vorteil, dass Verlorene Credit-Points leicht ausgeglichen werden können, da mit überschaubaren Einheiten (Halbe-Stunden-Einheiten) abgerechnet wird.

Anwendung von Token-Systemen

Zur Belohnung von schulischen Leistungen eingesetzte Stempel

Bei der Anwendung eines Token-Systems müssen Zielsetzungen, Voraussetzungen und Leistungspotentiale des Teilnehmers sowie der jeweilige Token-Wert individuell miteinander abgestimmt werden. Nach Möglichkeit sollte zu Gunsten einer hohen Wirkung auch die Einlösung der Token individuell gesteuert werden können, um den Wünschen und Bedürfnissen des Teilnehmers gerecht zu werden.

Ein möglicher Ablauf eines Token-Verfahrens:[3]

1. Das Zielverhalten wird präzise und verständlich definiert
2. Möglichst viele wirksame Verstärker werden gemeinsam mit dem Teilnehmer bestimmt
3. Es wird festgelegt,

  • was ein Token ist und welchen Zweck er erfüllt
  • welche Anzahl von Token maximal verdient werden können
  • wie sie zugeteilt werden
  • ob und wie der Token-Verdienst im Laufe der Zeit verändert wird
  • wie viele Token bei Erreichen des Zielverhaltens vergeben werden.

4. Es wird genau festgelegt, wieviele Token für eine Belohnung notwendig sind.
5. Hat sich das Zielverhalten stabilisiert, sollte das Token-Programm ausgeblendet werden (fading out).

Anwendung von Token-Systemen in der Schule

Token- oder Response-Cost-Systeme können im Setting des Schulunterrichts auch zur Konditionierung erwünschten Verhaltens auf die gesamte Klasse angewendet werden. Dabei können beispielsweise für fehlerfrei erledigte Aufgaben Stempel vergeben werden, wobei zur Erlangung einer definierten Belohnung eine bestimmte Anzahl Stempel erreicht werden muss. Zur operanten Verstärkung erwünschten Verhaltens im Unterricht können mit Hilfe eines gut sichtbar positionierten Plakats Punkte vergeben und ggf. entzogen werden, wobei das Erreichen einer festgelegten Punktzahl eine Belohnung zur Konsequenz hat, während die Unterschreitung eines bestimmten Wertes eine Sanktion nach sich zieht.

Einsatz von Token-Systemen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS

Zahlreiche Untersuchungen konnten für Token-Systeme, die in der Kinder- und Jugendliche-Therapie angewendet werden, hohe Effektstärken auch in Bereichen des hyperkinetischen Verhaltens in verschiedenen Settings (in der Schule, zu Hause, im Therapiesetting) aufzeigen.[4][5][6] Das Token-System wurde jedoch niemals als primäre Intervention eingesetzt, sondern vielmehr als flankierende Unterstützung eines Gesamttherapiekonzepts. Der alleinige Einsatz eines Tokensystems ist zur nachhaltigen Verhaltensänderung nicht erfolgsversprechend.[7] Zudem ist Voraussetzung, dass das Kind überhaupt in der Lage ist, positives Verhalten zu zeigen.[8] So kann der Einsatz eines Token-Systems bei extremer motorischer Unruhe, die durch Willensanstrengungen des Kindes allein nicht zu steuern ist, nicht sinnvoll sein.

Bemerkenswert ist, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS meist nur geringe oder keine Verhaltensänderung auf Bestrafungen oder Tadel zeigen, paradoxerweise aber sehr intensiv auf positive Verstärkerreize reagieren.[9]. Eltern und Lehrer ADHS-betroffener Kinder und Jugendlicher, die einer dauerhaft problematischen Situation ausgesetzt sind, können dazu neigen, das Kind sowie die Beziehung zu diesem eher einseitig defizitorientiert zu betrachten. Token-Systeme können auch auf Eltern- und/oder Erzieherseite dazu beitragen, dass das positive Verhalten des Kindes verstärkt wahrgenommen wird. Zudem werden das Belohnungs- und Bestrafungsverhalten konsistenter und transparenter für das Kind. Vor diesem Hintergrund können Token-Systeme den pädagogischen Umgang mit ADHS-betroffenen Kindern und Jugendlichen sehr effektiv unterstützen.

Bei etwa 10-20 % zeigen Token-Systeme keine Wirkung.

Störfaktoren

Gleichwertige Belohnungen sollten nicht außer der Reihe stattfinden

Token-Systeme können nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn die Primärbelohnung nicht mit anderen Geschenken oder vergleichbaren Aktivitäten außer der Reihe überkreuzt wird. Auch sollte durch sorgfältige Planung vermieden werden, einen bspw. lang gehegten Wunsch, der als Primärbelohnung definiert wurde, spontan durch eine andere, für den Teilnehmer emotional nicht gleichwertige Belohnung zu ersetzen, da die Ausführung momentan zeitlich passender ist (z.B. die Primärbelohnung Erlebnisbadbesuch am Sommerende wird durch ein Videospiel ersetzt).

Wichtig ist zudem, dass das Token-System vom gesamten verantwortlichen Umfeld anerkannt und konsequent umgesetzt und unterstützt wird. In der Praxis hat sich gezeigt, dass bereits eine einzige relevante Person, die den Vereinbarungen mit Nachlässigkeit begegnet, bspw. um bei dem Teilnehmer ein höheres Ansehen zu gewinnen, das ganze Programm zum Scheitern bringen kann.[10]

Auch sollten Freunde, Verwandte und andere Mitverantwortliche über das Token-System informiert werden, sodass sich diese den Vereinbarungen nicht unwillkürlich widersetzen.

Ein zu hoch angesetztes Taschengeld kann zudem die verstärkende Wirkung der Token herabsetzen oder gänzlich entziehen.

Vorkommen von Token-Systemen in der ADHS-Therapie

Token-Systeme sind häufig Bestandteil von ADHS-Therapie- und Trainingsprogrammen, unter anderem des

  • Marburger Konzentrationstrainings (Krowatschek)
  • Trainings für aufmerksamkeitsgestörte Kinder (Lauth/Schlotke)[11] sowie des
  • Therapieprogramms für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP, Döpfner).[12]

Studien

Literatur

Deutsch

  • Theodore Ayllon, Andrew Cole: Münzverstärkung. In: Michael Linden, Martin Hautzinger: Verhaltenstherapiemanual. 6. Auflage. Springer, Heidelberg, 2008, ISBN 3-540-75739-2, S. 240-243.
  • Steffen Fliegel, Wolfgang Groeger, Rainer Künzel, Dietmar Schulte, Hardo Sorgatz: Verhaltenstherapeutische Standardmethoden. Ein Übungsbuch. 4. Auflage. Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim, 1998, ISBN 3-621-27208-9, Kapitel 3: Operante Methoden, S. 35-54.
  • Döpfner, M., Schürmann, S., Frölich, J. (1997). Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union

Englisch

  • Elliot Aronson: The Social Animal. Worth, New York 1999
  • F. Rheinberg: Motivation. Kohlhammer, Stuttgart 2002
  • Bernard Weiner: Motivationspsychologie. Beltz, Psychologie-Verl.-Union, Weinheim 1994
  • Bernhard Weiner: An attributional theory of motivation and emotion. Springer, New York 1986

Weblinks

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise