Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR)

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Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR)
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Indikation k.A.
Wirkungsweise bislang unbekannt
Wirksamkeit bislang nicht belegt
Weiterführende Infos Weitere Therapie, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Autogenes Training, Binaurale Beats, Yoga
Typisches Beispiel eines ASMR-Rollenspiels, hier mit dem Thema einer Routineuntersuchung beim Augenarzt. Hauptsächlich angewandter Trigger ist das Flüstern der ASMR-Künstlerin

Als Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR) wird ein Phänomen bezeichnet, bei dem bei betreffenden Personen bei bestimmten Sinnesreizen (sogenannte Trigger) angenehme körperliche und emotionale Empfindungen (sogenannte Tingles) ausgelöst werden, die als beruhigend empfunden werden. Meist handelt es sich um ein Kribbeln im oberen Kopfbereich, das sich über Hinterkopf und Genick bis in den oberen Schulterbereich ausbreiten kann. ASMR kann aus verschiedenen Sinnesmodalitäten ausgelöst werden, etwa durch bestimmte Geräusche (z.B. langsames Entfalten von Zeitungspapier, ruhige Stimmen), angedeutete oder tatsächliche Berührungen am Kopf (etwa beim Friseurbesuch oder bei einer Routineuntersuchung beim Arzt), aber auch durch die persönliche Aufmerksamkeit und das zugewandte Verhalten einer anderen Person, welche die üblichen Distanzschwellen überschreitet. Das Phänomen kann nur von einem Teil aller Menschen mehr oder weniger intensiv wahrgenommen werden.

ASMR findet seinen Ursprung im englischsprachigen Internet, von wo es sich seit wenigen Jahren vor allem über die Video-Community Youtube rasant ausbreitet. Im Jahr 2017 verzeichnen Youtube-Videos mit Inhalten, die ASMR auslösen sollen, Zugriffszahlen, welche insgesamt im Milliardenbereich liegen.[1]

Weil das Phänomen erst vor wenigen Jahren definiert wurde, ist ASMR bislang kaum wissenschaftlich erforscht worden[2], weshalb sich bisherige Beurteilungen fast ausschließlich auf (eine große Fülle) anekdotischer Evidenz beziehen.[3] Auch die Ursachen sind bislang unbekannt. Viele Konsumenten berichten dabei von positiven Auswirkungen auf Symptome von insbesondere Schlaflosigkeit, Depressionen sowie Angst und Panik-Attacken.[4][5][6] Ein Nutzen dieses Phänomens könnte daher eine Therapieergänzung auch von ADHS und Komorbiditäten sein, zum Beispiel als attraktiver und leicht zugänglicher Ersatz etwa für das Autogene Training[7][8][9], wobei sich auch über eine klinische Wirksamkeit gegenüber ADHS und Komorbiditäten noch keine wissenschaftlich abgesicherten Aussagen treffen lassen. Eine Wirksamkeit wird aber auch von wissenschaftlicher Seite als möglich angesehen, weshalb ASMR in den kommenden Jahren Gegenstand auch klinischer Forschung werden wird.

Geschichte

Erste Erwähnungen

Wenngleich das Phänomen als solches bereits seit langer Zeit existieren dürfte, scheint die Dokumentation von ASMR nicht viel weiter als bis in die zweite Hälfte der Nullerjahre zurückzureichen. Am 19. Oktober 2007 eröffnete ein Benutzer namens „okaywhetever“ im englischsprachigen Diskussionsforum Steadyhealth.com einen Faden namens „weird sensation feels good“ (zu deutsch: „merkwürdige Empfindung, die sich gut anfühlt“), in dem er seine Wahrnehmungen, welche heute unter der Bezeichnung ASMR bekannt sind, beschrieb und sich bei anderen Nutzern erkundigte, ob sie Ähnliches empfinden:[10]

Ich habe da manchmal so ein Gefühl. Es gibt keinen wirklichen Auslöser dafür, es passiert einfach so. Es tritt bei mir seit meiner Kindheit auf, jetzt bin ich 21 Jahre alt. Als Kind hatte ich dieses Gefühl zum Beispiel, wenn mir vorgelesen wurde, oder wenn ich mir das Puppentheater ansah, oder als Teenager, wenn mir ein Klassenkamerad einen Gefallen tat, oder wenn ein Freund mir mit einem Textmarker etwas auf die Hand zeichnete. Manchmal kann ich auch gar keinen Grund feststellen, warum es auftritt (...) Ich klage nicht über das Gefühl, im Gegenteil, ich liebe es, aber ich frage mich, was das sein könnte...“.[11][12]

Mehr als 80 weitere Nutzer beteiligten sich an der Diskussion und beschrieben ähnliche Phänomene, die sie bei sich wahrnehmen.

Entwicklung des Suchinteresses für den Begriff „ASMR“ (Google Interest) im zeitlichen Verlauf.

Am 27. November 2007 eröffnete ein Benutzer namens „Lianad“ im International Sceptics Forum einen Faden, in dem er Ähnliches beschrieb:

Ich versuche es so gut zu beschreiben, wie ich kann. Seit ich denken kann bekomme ich, anscheinend völlig zufällig, ein Gefühl, das ich 'Gehirn-Orgasmus' getauft habe. Es ist nichts Sexuelles, aber 'Orgasmus' scheint mir der passendste Begriff zu sein, um das Gefühl zu beschreiben. (...) Wenn ich bestimmte Geräusche höre, meistens bei Stimmen anderer Personen, bekomme ich dieses komische, kribbelnde Gefühl in meinem Kopf. Wenn ich mich dann lang genug auf das Geräusch konzentriere, bekomme ich ein absolut befriedigendes Gefühl in meinem Gehirn. Ich habe jahrelang versucht, auszumachen, was genau das Gefühl auslöst, aber es scheint total zufällig zu sein. Ich frage mich ob es hier jemanden gibt, der das auch kennt, oder ob es vielleicht eine Diagnose dafür gibt?“.[13]

In der Folgezeit mehrten sich im Internet Anfragen über das bislang kaum diskutierte und beschriebene Phänomen[14]. Ab dem Jahr 2008 fand sich in verschiedenen Internet-Communities, darunter unter anderem die Yahoo!-Gruppe „The Society of Sensationalists“, eine Vielzahl von Menschen zusammen, die sich über ihre ASMR-Empfindungen austauschten.[15]

Prägung des Begriffs „ASMR“

Bis 2010 wurden verschiedene Begriffe für die kribbelnden Empfindungen vorgeschlagen, darunter „Attention Induced Head Orgasm“ (durch Zuwendung induzierter Kopforgasmus), „Attention Induced Euphoria“ (durch Zuwendung induzierte Euphorie), „Head Tingle“ (Kopfkribbeln), „Brain Tingle“ (Gehirnkribbeln), „Spine Tingle“ (Wirbelsäulenkribbeln) oder „Brain Orgasm“ (Kopforgasmus), wobei Begriffe, welche „Orgasmus“ beinhalteten, meist abgelehnt wurden, um das Phänomen von sexueller Stimulation abzugrenzen.[16][17]

Mit Gründung der Facebook-Gruppe „ASMR-Group“[18] durch die New Yorker Internetsicherheits-Expertin Jennifer Allen[19] im Jahr 2010 etablierte sich die Bezeichnung „Autonomous Sensory Meridian Response“ und das entsprechende Akronym ASMR bald international und wurde fortan regelmäßig zur Beschreibung des kribbelnden Phänomens verwendet.

Das Gefühl und seine Auslöser

Ergebnisse einer Befragung von Tom Dnetto (2014): Unter den insgesamt 21.425 Probanden waren die beliebtesten Trigger flüstern, persönliche Zuwendung sowie Simulationen einer Gesichtsbehandlung.[20]

ASMR wird vermutlich schon sehr lange von vielen Menschen wahrgenommen, das Phänomen war bis vor wenigen Jahren jedoch noch überhaupt nicht dokumentiert. Erst im Jahr 2010 begann sich ASMR als Internet-Phänomen zu entwickeln, sodass sich mit der Zeit immer mehr Menschen der sich bildenden Community anschlossen und über die spezifischen Empfindungen auszutauschen begannen. Mit der wachsenden Community und nachfolgenden Experimenten, bei denen weitere Auslöser (sogenannte Trigger) entdeckt wurden, begannen sich Trigger herauszukristallisieren, welche bei den Konsumenten besonders intensive ASMR-Empfindungen hervorrufen. Im Jahr 2015 wurde erstmals die Intensität unterschiedlicher Trigger wissenschaftlich untersucht.[21]

Das Gefühl

Menschen, die ASMR empfinden, beschreiben das Phänomen als ein Konglomerat unterschiedlicher körperlicher und emotionaler Empfindungen, bei dem jedoch ein angenehmes, manchmal auch lokal wanderndes Kribbeln im Bereich des oberen Kopfbereichs bzw. der Kopfhaut die am deutlichsten wahrgenommene Empfindung sei. Eine Objektivierung der Empfindungen, etwa um sie Menschen, welche ASMR nicht empfinden können, zu vermitteln, gilt jedoch als äußerst schwierig bis unmöglich, da tatsächlich vergleichbare Phänomene fehlen. Ein häufig genannter, auch von den Autoren einer Studie zitierter Vergleich mit den körperlichen Wahrnehmungen lautet: „wie eine zarte Elektrisierung, oder die Kohlensäure-Bläschen in einem Glas Champagner“.[22] Das körperlich empfundene Kribbeln gilt bei einer großen Zahl der ASMR-Konsumenten als das zentrale Gefühl, dessen Empfindung im Rahmen der ASMR-Sessions (zum Beispiel durch das Konsumieren von Youtube-Videos oder Audio-Tracks) vornehmlich angestrebt wird. Während ASMR von dem bekannten Gefühl einer Gänsehaut (etwa musikalischen „Chills“) auf deskriptiver Ebene relativ klar abgrenzbar ist, kann das Gefühl jedoch auch von solchen oder anderen angenehmen körperlichen Wahrnehmungen überkreuzt werden.

Die körperliche Empfindung - das Kribbeln - kann auch von unterschiedlichen emotionalen Zuständen begleitet werden, welche nicht selten vom jeweiligen Inhalt des konsumierten Mediums abhängig sind. So gibt es beispielsweise sehr spezifische Rollenspiel-Videos, in denen der ASMR-Künstler gegenüber dem Konsumenten mit sanfter, flüsternder Stimme seine selbstlose Zuneigung ausdrückt, ihm bei akuten Angstzuständen gut zuredet[23] oder eine Krankenpflege simuliert.[24] Überwiegend handelt es sich um Gefühle von Geborgenheit, tiefer Entspannung, erfahrener persönlicher Wertschätzung oder auch Trance, welche das Kribbeln begleiten. Das Hervorrufen der ASMR-Empfindungen scheint dabei eng an die Erzeugung einer Kombination akustischer Laute und visueller Reize durch die Aktivität eines Lebewesens gekoppelt zu sein, da sie durch andere in der Natur vorkommende Stimuli nicht gleichermaßen auslösbar zu sein scheinen.

Auslöser („Trigger“)

In diesem Video soll ASMR durch das Klopfen auf verschiedene Untergründe getriggert werden. Auffällig ist die bemerkenswerte Laufzeit der Aufnahme (1 Stunde 17 Minuten). Untypisch für repititive und monotone Inhalte dieser Art ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer für solche Videos vergleichsweise lang.

ASMR wird üblicher Weise durch bestimmte Stimuli (sogenannte Trigger) ausgelöst, welche aus akustischen, oder einer Kombination aus akustischen und visuellen Reizen bestehen. Fast immer handelt es sich um Stimuli, die von anderen Menschen erzeugt werden. Es kann sich dabei um im Alltag unbeabsichtigt, aber auch um gezielt erzeugte Reize handeln, wie sie etwa von ASMR-Künstlern auf der Video-Plattform Youtube zur Verfügung gestellt werden. Nicht selten stellen sich Produktionen, welche zu einem anderen Zweck erzeugt worden sind, für die Konsumenten als sehr effektiv triggernde Medien heraus. Ein bekanntes Beispiel hierfür sind Video-Aufnahmen, die den US-amerikanischen Künstler Bob Ross beim Malen und sanften Kommentieren seiner Malereien zeigen, [25][26][27][28] aber auch ähnlich strukturierte TV-Ausstrahlungen aus dem Teleshopping,[29] welche von ASMR-Künstlern sogar nachgeahmt werden.[30][31][32]

Zu den einzelnen Stimuli, welche ASMR am häufigsten und intensivsten auslösen können, zählen ferner:

Flüstern
Sanft geflüsterte Worte sind die am häufigsten angewandten ASMR-Trigger, da sie für die Mehrheit (über 70 %) der ASMR-wahrnehmenden Menschen einen wirksamen Auslöser darstellen. Dies konnte durch eine Untersuchung von Davis und Barrat bestätigt werden, an der 475 Probanden beteiligt waren. Entsprechend seiner hohen Beliebtheit findet sich Flüstern in den meisten ASMR-Medien wieder.[33] Großer Beliebtheit erfreuen sich auch geflüsterte Inhalte in einer Fremdsprache, die vom Konsumenten jeweils nicht verstanden wird, da das Erlebnis aufgrund der höheren Konzentration auf die Akustik so intensiviert werden kann.

Geräusche
Unterschiedlichste Geräusche können ASMR auslösen, darunter etwa Klopfen, Auseinanderfalten von Papier, Kau- und Schluck-Geräusche eines Menschen oder eines Tieres, mit dem Mund erzeugte Laute (beispielsweise ein „Sk“-Laut)[34], sanftes Kratzen auf einer rauen Oberfläche, Schreiben und so weiter. Bedeutend scheint auch hier zu sein, dass die Reize durch ein anderes Individuum erzeugt werden.

Persönliche Zuwendung und Zuneigung

Typisches Beispiel für ein ASMR-Rollenspiel-Video: Hier übernimmt der Zuschauer die Rolle eines Kranken, der von der ASMR-Künstlerin mit selbstloser Zuneigung und Flüster-Triggern gepflegt wird.

Neben spezifischen akustischen und/oder visuellen Stimuli beschreiben ASMR-Empfindende ähnliche oder gleiche Reaktionen, wenn sie simulierter oder tatsächlicher persönlicher Zuwendung ausgesetzt sind. Dies beginnt bereits beim Friseurbesuch, wenn der Rezipient etwa einer Kombination aus beiläufigen, aber achtsamen Berührungen im Bereich des Kopfs durch Hand und Schere ausgesetzt ist. Ähnliche Situationen können zum Beispiel eine Maniküre, Ohrenreinigungen oder Rücken- und Kopfmassagen sein. Wesentliches Merkmal des ASMR-Phänomens ist dabei, dass die jeweiligen Empfindungen auch dann auftreten, wenn die triggernden Szenarien lediglich simuliert werden, etwa in einer Video- oder Audio-Aufnahme. Die Intensität der ASMR-Empfindungen kann auch bei Simulation genauso hoch oder sogar höher sein, als in der realen Situation. Gleichwohl können die Gefühle in einer realen Situation bei angedeuteten Berührungen intensiver sein, als wenn eine Berührung wirklich stattfindet. Eine Untersuchung von Barrat und Davis bescheinigte, dass persönliche Zuwendung und Zuneigung für 68 % der 475 Probanden einen wirksamen ASMR-Trigger darstellt.[35]

Klinische Rollenspiele
Unter den zahlreichen ASMR-Rollenspiel-Arten, die existieren, scheinen klinische Rollenspiele (zum Beispiel eine Routineuntersuchung beim Arzt) eine besondere, möglicher Weise auch klinische Bedeutung zu haben. So berichten zahlreiche Konsumenten, welche an Schlaflosigkeit, Angst oder Panik-Attacken leiden, von positiven Wirkungen entsprechender ASMR-Inhalte auf ihre Symptomatik.[36][37][38] In diesem Kontext werden Zusammenhänge etwa mit Placebo-Effekten gesehen, wie sie im klinischen Alltag durch die Zuwendung und das empathische Verhalten des Behandlers auftreten können.[39]

Wissenschaftliche Rezeption

Existenz des Phänomens

Steven Novella, Leiter der Neurologie an der Yale School of Medicine, nahm sich dem Phänomen im Jahr 2012 an. Zunächst hinterfragte Novella die Existenz des Phänomens, um zunächst zu dem Schluss zu kommen, dass „es in diesem Fall wohl noch keine sichere Antwort hinsichtlich der Existenz des Phänomens geben kann - aber ich bin geneigt, anzunehmen, dass es existiert, denn es gibt eine Vielzahl von Menschen, die das Phänomen unabhängig voneinander erleben und davon berichten.“ Novella schlägt vor, ASMR mittels fMRT und TMS tiefergehend zu untersuchen, um das Phänomen besser verstehen zu können.[40][41]

Ähnlich äußerte sich auch der britische Psychologe Tom Stafford (University of Sheffield). Laut Stafford sei es gut möglich, dass ASMR real existiere, es sei jedoch außerordentlich schwierig, in diesem Bereich Untersuchungen durchzuführen. Stafford vergleicht die derzeitige wissenschaftliche Sicht auf ASMR mit der früheren Diskussion über das Phänomen der Synästhesie: „Synästhesie galt jahrelang als Mythos - bis man in den 1990er Jahren Möglichkeiten entdeckte, sie zuverlässig zu messen.“[42]

Ursachen

Wenngleich für ASMR biologisch-evolutionäre Ursachen vermutet werden, konnten die genauen Ursprünge bzw. biologischen Korrelate des Phänomens aufgrund der nicht stattgefundenen Forschung bislang nicht geklärt werden.

Universitätsprofessor David Huron (Ohio State University) ist der Ansicht, dass „der ASMR-Effekt deutliche Ähnlichkeiten mit dem 'grooming' [Fell-/Körperpflege] der Primaten“ aufweise, die „einen an Euphorie grenzenden Lustgewinn aus der gegenseitigen Fellpflege erfahren“ - jedoch nicht der Reinigung, sondern des angenehmen Gefühls wegen, das damit einhergehe.[43]

Klinischer Nutzen

Weil ASMR ein noch junges Phänomen ist, das erst seit kurzer Zeit beschrieben ist, existiert bislang noch keine wissenschaftliche Evidenz, von der sich ein bestimmter klinischer Nutzen oder unterwünschte Wirkungen ableiten lassen. Annahmen über eine therapeutische Wirksamkeit basieren deshalb bislang ausschließlich auf anekdotischer Evidenz. Häufig beschrieben werden positive Effekte etwa auf depressive Verstimmungen und insbesondere Schlafprobleme.[44][45][46]

Der US-amerikanische Schlaf-Forscher Amer Khan (Sutter Neuroscience Institute) spricht für ASMR-Videos zur Einschlaf-Unterstützung keine Empfehlung aus, da er - ähnlich wie bei White-Noise-Geräten - Gewöhnungseffekte befürchtet, sodass die Betroffenen letztlich nicht mehr ohne die Unterstützung von ASMR einschlafen können.

Anders sieht dies der New Yorker Neurologie-Professor und Schlaf-Forscher Carl W. Bazil (Columbia University Medical Center): ASMR-Videos können seiner Meinung nach eine geeignete Möglichkeit für Menschen mit Schlafstörungen sein, „das Gehirn herunterzufahren“. Er schlägt ASMR als Alternativ-Methode etwa für begleitete Imaginationsübungen, Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation, Hypnose oder Meditation vor.[47]

Erste Forschungen und Erkenntnisse

Eine Studie aus 2016 konnte mit Hilfe von fMRT-Untersuchungen zeigen, dass bei Menschen mit ASMR-Empfindungen eine verstärkte Verbindung bestimmter Hirnareale vorliegt. Bei diesen Hirnregionen handelt es sich vor allem um solche, die während des Nichtstuns aktiv werden[48] (Symbolbild).

Eine Studie des Jahres 2013, welche unter Leitung von William Kelley am Darthmouth College Imaging Laboratory (USA) mit Einsatz von fMRT durchgeführt wurde, konnte zeigen, dass ASMR-Videos zu einer erhöhten Aktivität somatosensorischer Systeme im Gehirn führen. Daneben zeigte sich eine erhöhte Aktivität zerebraler Areale, welche für Empathie und Selbstwahrnehmung verantwortlich sind.[49] Zur Kontrolle wurden jeweils Videos ohne ASMR-Trigger verwendet. Ferner schlussfolgern die Autoren, dass vor allem solche ASMR-Videos, bei denen der Künstler sich direkt der Kamera (dem Zuschauer) zuwendet, kognitive Prozesse auslösen, welche jenen bei realer menschlicher Interaktion entsprechen.

Eine weitere Studie des Jahres 2016 wies unter Einsatz von fMRT-Untersuchungen darauf hin, dass bei Menschen mit ASMR-Wahrnehmungen eine verstärkte Konnektivität bestimmter Default-Mode-Networks (DMN) vorliegt.[50] Bei DMN handelt es sich um eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden und beim Lösen von Aufgaben deaktiviert werden, darunter der mediale präfrontale Cortex, Praecuneus, Teile des Gyrus cinguli sowie der Lobuls parietalis superior des Scheitellappens.[51] Die Autoren schlussfolgern, dass diese atypische Konnektivität der Gehirnregionen an den ASMR-Empfindungen beteiligt sein könnte.

Im Jahr 2014 wurde ASMR unter der Leitung des Psychologieprofessors Randolph Lee (Trinity College) hinsichlich seiner Wirksamkeit mit verschiedenen therapeutischen Entspannungsverfahren verglichen.[52]

2015 untersuchte Amy Huffberger, ob ASMR bei Menschen zur kognitiven Fähigkeit der Wiedererkennung von Gesichtern beitragen kann.[53]

In einem Peer-Review des Jahres 2015 schlussfolgern die Autoren, dass die Effekte des ASMR denen des von Csikszentmihalyi beschriebenen Flow-Zustands ähneln - die Konsumenten seien dabei derart vertieft in das Geschehen, dass alles andere ausgeblendet werde.[54]

Verhältnis zur Synästhesie

Wesentliches Merkmal von ASMR ist, wie oben beschrieben, das Gefühl eines Kribbelns (tingle/tingling) vor allem im Bereich der oberen Kopfhaut, das oft als ähnlich mit sanften Berührungen in diesem Bereich beschrieben wird. Das Gefühl wird jedoch nicht durch wirkliche Berührungen ausgelöst, sondern Andeutungen derselben oder das bloße Betrachten von Videos mit entsprechenden auditiven und visuellen Reizen sind hinreichend, um die Gefühle auszulösen. In diesem Kontext wird aktuell ein möglicher Zusammenhang, oder eine mögliche Verwandtschaft zwischen ASMR und Synästhesie diskutiert. Bei Synästhesie handelt es sich um eine Wahrnehmungsveranlagung, bei welcher bei den Betroffenen zwei oder mehrere physisch getrennte Bereiche der Wahrnehmung gekoppelt sind - bei einem eintreffenden Sinnesreiz in ein Sinnesorgan werden praktisch auch andere Verarbeitungszentren miterregt, sodass Wahrnehmungen verknüpft erfahren werden. Beispiele können etwa sein, dass Wörter die Assoziation einer bestimmten Farbe auslösen (lexikalisch-visuelle Synästhesie), oder bestimmten Wochentagen oder Monaten eine bestimmte Position im Raum zugewiesen sind (Sequenz-Raum-Synästhesie). Andere Synästhetiker beschreiben beispielsweise auch ein „Sehen von akustischen Lauten“, etwa als bestimmte Formen.[55][56][57][58] Da die Konsumenten von ASMR häufig beschreiben, dass sie beim Ansehen entsprechender Inhalte das Gefühl haben, „vom Gezeigten und Gehörten förmlich berührt zu werden“, wird das Phänomen häufig mit visuell-taktiler und auditiv-taktiler Synästhesie in Verbindung gebracht.[59]

Bedeutung für ADHS-Betroffene

Bislang liegen keine wissenschaftlichen Daten vor, von denen sich konkrete therapeutische Anwendungsbeispiele, oder überhaupt ein spezifischer Nutzen für ADHS oder andere (komorbide) Störungsbilder ableiten ließe. Einige Experten, darunter der Universitätsprofessor und Schlaf-Forscher Carl W. Bazil (Columbia University Medical Center) gehen jedoch davon aus, dass ASMR für verschiedene Indikationen, darunter Schlaflosigkeit und Depressionen, eine wirkungsvolle Alternative zu bewährten Therapiemethoden wie Autogenes Training, Meditation, progressive Muskelrelaxation oder Hypnose darstellen könnte,[60][61][62] vorausgesetzt, der Betroffene kann jeweils ASMR empfinden. Insbesondere Schlafprobleme und Depressionen zählen zu den besonders häufigen Komorbiditäten ADHS-Betroffener.

Die häufig geringe Therapie-Compliance der Betroffenen ist einer der bedeutendsten Problembereiche in der ADHS-Therapie. Unregelmäßige Teilnahmen, Therapieabbrüche und vorzeitige Resignation sind häufig. ASMR könnte sich als vorteilhaft für Betroffene eignen, da es leicht zugänglich und anwendbar ist und - als passive Anwendung mit unwillkürlich eintretendem Effekt - nicht erst erlernt werden muss. Die entsprechenden Medien sind spontan abruf- und anwendbar. Ein weiteres Kriterium, das ASMR für Betroffene attraktiv machen kann, ist die schier unendliche Variation der ASMR-Inhalte. Betroffene haben meist wenig Geduld, eine geringe Frustrations- und Langeweile-Toleranz und verlieren schnell das Interesse. Aktuell existieren auf der Video-Plattform Youtube mehr als vier Millionen ASMR-Produktionen,[63] die Inhalte für alle denkbaren Interessen, Geschmäcker und Neigungen bereitstellen.

Spezifische ASMR-Konzepte für ADHS existieren bislang nicht, wohl aber Produktionen, welche zum Beispiel zur akuten Linderung von Angst und Panik-Attacken vorgesehen sind.[64][65][66][67][68]

ASMR in Deutschland

Ab 2010 breitete sich die ASMR-Community auch Richtung Europa und Deutschland aus, sodass mittlerweile auch einige Videos in deutscher Sprache existieren. Zu den bekanntesten ASMR-Künstlern, die für den deutschsprachigen Raum produzieren, zählt mit mehr als 130.000 Abonnenten beispielsweise die deutsche Webvideo-Produzentin FastASMR,[69] welche mitunter auch Videos mit Inhalten produziert, die zur Linderung von Angst und Panik vorgesehen sind.

Kritik

Abgrenzung von Sexualität

Wenngleich die ASMR-Communities großen Wert darauf legen, ASMR nicht in Verbindung mit Sexualität, sexuell erregenden Inhalten oder sexuellem Fetischismus in Verbindung gebracht zu sehen,[70][71] sind willkürlich oder unwillkürlich integrierte sexuelle Trigger laut Kritikern nicht immer vollständig auszuschließen. In diesem Zusammenhang wurde von vereinzelten Journalisten und anderen Kommentatoren auf die Tatsache hingewiesen, dass Nahaufnahmen des Gesichts bei sanft und flüsternd gesprochenen Worten unweigerlich sexuelle Assoziationen hervorrufen können. Darüber hianus bestehe die Mehrheit der ASMR-Künstler aus „jungen, hübschen Damen“, deren Erscheinung durch das Anwenden einer sanften, flüsternden Stimme sowie simulierten Berührungen, welche üblicher Weise nur in intimen Situationen stattfinden, mit einer Sexualisierung einhergehe.

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Auswahl von ASMR-Kanälen (Youtube)

Deutsch

Englisch

Weblinks

Deutsch

Englisch

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. https://www.youtube.com/results?q=asmr&sp=CAM%253D
  2. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=autonomous+sensory+meridian
  3. etwa: https://www.academia.edu/9527471/Tingly_Objects_Autonomous_Sensory_Meridian_Response
  4. etwa http://www.vice.com/read/asmr-the-good-feeling-no-one-can-explain
  5. etwa http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  6. etwa http://issuu.com/24magazine/docs/24mag_issue04
  7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25834771?dopt=Abstract
  8. http://www.trincoll.edu/Academics/MajorsAndMinors/Psychology/Pages/Student-Research-Titles.aspx
  9. http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  10. http://asmrr.org/asmr-history
  11. http://www.steadyhealth.com/topics/weird-sensation-feels-good
  12. http://asmrr.org/asmr-history
  13. http://www.internationalskeptics.com/forums/showthread.php?t=99229
  14. http://asmrr.org/asmr-history
  15. https://groups.yahoo.com/neo/groups/sos_08/conversations/messages?messageStartId=1&archiveSearch=true
  16. http://www.kcradiogod.com/buzz/ABFMB/asmr0921.mp3
  17. http://www.mcgilldaily.com/podcast/that-funny-feeling/
  18. https://www.facebook.com/groups/ASMRGroup/
  19. https://www.linkedin.com/in/jennifer-allen-a4a91510
  20. http://asmryouready.tumblr.com/post/79001698173/asmresearch-it-begins
  21. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25834771?dopt=Abstract
  22. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24375123?dopt=Abstract
  23. zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=MDrD1_n9dFg
  24. https://www.youtube.com/watch?v=o6Q6cDZTYfE
  25. http://mentalfloss.com/article/65661/how-bob-ross-became-asmr-youtube-star
  26. http://discoverasmr.com/what-is-asmr/bob-ross-asmr/
  27. http://www.themarysue.com/what-the-hell-is-asmr
  28. http://europe.newsweek.com/soothing-sounds-bob-ross-274466?rm=eu
  29. http://www.independent.co.uk/life-style/gadgets-and-tech/features/maria-spends-20-minutes-folding-towels-why-millions-are-mesmerised-by-asmr-videos-7956866.html
  30. zum Beispiel https://www.youtube.com/watch?v=0xEFOj8VCoU
  31. zum Beispiel https://www.youtube.com/watch?v=fhx2UXPus7E
  32. zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=pez3mjSPaTE
  33. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25834771?dopt=Abstract
  34. https://www.youtube.com/watch?v=rOGzMJZFODM
  35. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25834771?dopt=Abstract
  36. http://www.vice.com/read/asmr-the-good-feeling-no-one-can-explain
  37. http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  38. http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  39. http://www.med.uni-magdeburg.de/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/JKM_Band21_Kapitel8_Blanz.pdf
  40. http://theness.com/neurologicablog/index.php/asmr/
  41. http://www.skepticblog.org/2012/03/12/asmr/
  42. http://www.independent.co.uk/life-style/gadgets-and-tech/features/maria-spends-20-minutes-folding-towels-why-millions-are-mesmerised-by-asmr-videos-7956866.html
  43. http://www.buzzfeed.com/theseantcollins/why-music-gives-you-the-chills-7ahd#.mb40QPd94
  44. http://soundstudiesblog.com/2012/12/10/whisper-community/
  45. http://www.slate.com/articles/life/culturebox/2013/02/asmr_videos_autonomous_sensory_meridian_response_and_whispering_videos_on.html
  46. http://issuu.com/24magazine/docs/24mag_issue04
  47. http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  48. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27196787
  49. http://asmrr.org/brian-lochte-neural-correlates-of-asmr
  50. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27196787
  51. https://de.wikipedia.org/wiki/Default_Mode_Network
  52. http://www.trincoll.edu/Academics/MajorsAndMinors/Psychology/Pages/Student-Research-Titles.aspx
  53. http://openworks.wooster.edu/independentstudy/6677/
  54. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25834771?dopt=Abstract
  55. Cytowic, Richard E. (2003). The man who tasted shapes. Cambridge, Massachusetts: MIT Press.
  56. Cytowic, Richard E; Eagleman, David M (2009). Wednesday is indigo blue: discovering the brain of synesthesia. Cambridge: MIT Press.
  57. Harrison, John E.; Simon Baron-Cohen (1996). Synaesthesia: classic and contemporary readings. Oxford: Blackwell Publishing.
  58. Cytowic, Richard E. (2002). Synesthesia: a union of the senses (2nd edition). Cambridge, Massachusetts: MIT Press.
  59. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19403745
  60. http://well.blogs.nytimes.com/2014/07/28/rustle-tingle-relax-the-compelling-world-of-a-s-m-r/?_r=0
  61. http://www.abc15.com/news/local-news/water-cooler/asmr-whisper-therapy-does-it-work-relaxing-healing-with-sounds-and-a-whisper
  62. http://www.thinkingbetter.org.uk/relaxation.html
  63. https://www.youtube.com/results?search_query=asmr
  64. Beispielsweise: https://www.youtube.com/watch?v=B4sgjWlxprc&list=PLNbV3GXqg9TPB7_iODQc0EAbdRZ41dpTD
  65. Bspw.: https://www.youtube.com/watch?v=BJK2ne9wz70
  66. Bspw.: https://www.youtube.com/watch?v=oG4zi87s6K4
  67. Bspw.: https://www.youtube.com/watch?v=zp4c7uDX9ww
  68. Bspw.: https://www.youtube.com/watch?v=q2uU6miDDYc
  69. https://www.youtube.com/user/fastASMR
  70. http://mashable.com/2015/01/26/asmr-youtube/#cPx9p.mAOkqw
  71. http://www.theguardian.com/science/head-quarters/2016/jan/08/asmr-and-head-orgasms-whats-the-science-behind-it