SNAP25

Beim SNAP25 (auch bekannt als SNAP-25 oder Synaptosomal-associated-Protein-25-Gen) handelt es sich um ein Gen auf Chromosom 20. Im Genlocus 20p12.2 kodiert es für das Protein SNAP-25 (synaptosomal-associated protein of 25 kDa), einen zentralen Baustein der Freisetzung von Neurotransmittern aus Nervenzellen. Seit ein hyperaktiver Mausstamm mit verminderter SNAP-25-Bildung beschrieben wurde, wird SNAP25 als Kandidatengen für ADHS erforscht. Während Metaanalysen kleine, aber replizierte Zusammenhänge mit der Störung ergaben, fiel das Gen in den großen genomweiten Assoziationsstudien nicht auf.
Gen und Genprodukt
SNAP-25 ist ein Protein der präsynaptischen Zellmembran, das in hoher Menge und weitgehend spezifisch in Nervenzellen gebildet wird. Es ist für die Verschmelzung synaptischer Vesikel mit der Zellmembran und damit für die Freisetzung von Neurotransmittern unerlässlich.[1] Gemeinsam mit Syntaxin und Synaptobrevin (VAMP) bildet es den sogenannten SNARE-Komplex, die Kernmaschinerie dieser Vesikelfusion.[2][3]
Seltene, neu entstandene (de novo) Varianten im SNAP25 verursachen eine schwere Entwicklungsstörung, deren Kernsymptome eine Intelligenzminderung und meist vor dem zweiten Lebensjahr beginnende epileptische Anfälle sind.[4]
Tiermodell: die Coloboma-Maus
Ausgangspunkt der ADHS-Forschung zu SNAP25 war der Mausstamm coloboma. Hess und Kollegen wiesen 1992 nach, dass diesen Tieren durch eine Deletion auf Chromosom 2 eine Kopie des Snap-Gens fehlt und SNAP-25-mRNA und -Protein um die Hälfte vermindert sind. Die Mäuse zeigten eine ausgeprägte spontane Hyperaktivität mit mehr als dreifacher Bewegungsaktivität gegenüber Kontrolltieren.[5] Die Deletion umfasst neben Snap weitere Gene. Dass die Hyperaktivität dennoch auf den SNAP-25-Mangel zurückgeht, zeigte ein Kreuzungsexperiment, in dem sich die Bewegungsaktivität nach Einbringen eines SNAP-25-Transgens normalisierte.[6]
Amphetamin verminderte die Aktivität der Coloboma-Mäuse, während es Kontrolltiere aktivierte; Methylphenidat steigerte die Aktivität beider Gruppen.[6] Neurochemisch fand sich eine selektiv im dorsalen Striatum verminderte calciumabhängige Dopaminfreisetzung.[2]
Genetische Varianten
Barr et al. identifizierten im 3'-untranslatierten Bereich (3'-UTR) des Gens vier Sequenzvarianten.[7] Im Mittelpunkt späterer Studien standen zwei nur vier Basen voneinander entfernte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP), MnlI (T1065G, rs3746544) und DdeI (T1069C, rs1051312), deren Namen auf die zu ihrem Nachweis verwendeten Restriktionsenzyme zurückgehen.[8][9] Beide liegen in Bindungsstellen mehrerer microRNAs.[10] Daneben wurden zahlreiche weitere SNP untersucht.
Befunde zur ADHS-Assoziation
Erste Untersuchungen
In der ersten Untersuchung an 97 Kernfamilien erbten die betroffenen Kinder bestimmte Haplotypen der beiden 3'-UTR-SNP häufiger, als zufällig zu erwarten war.[7] An 93 irischen Familien beobachteten Brophy et al. eine bevorzugte Übertragung eines DdeI-Allels, allerdings eines anderen als in der kanadischen Ausgangsstudie.[1] Weitere positive Befunde betrafen mehrere SNP und Haplotypen in einer klinischen Stichprobe von 188 Betroffenen.[11] Von 61 SNP, die an 229 Familien untersucht wurden, war nur einer nominell signifikant assoziiert; er steht in engem Kopplungsungleichgewicht mit MnlI und DdeI, und die Assoziation war bei Kindern mit zusätzlicher Depression am deutlichsten.[12] In einer deutschen Familienstichprobe wurden Varianten der Promotorregion und des achten Introns nicht bevorzugt übertragen.[13]
Mehrere frühe Studien führten die Assoziation vor allem auf vom Vater weitergegebene Allele zurück und vermuteten eine genomische Prägung (imprinting).[14][11] Eine Untersuchung an 291 Trios fand für SNAP25 und vier weitere Kandidatengene jedoch keine bevorzugte väterliche Übertragung.[15]
Hawi und Mitarbeiter fanden 2013 an 339 Trios eine Assoziation mit dem A-Allel des SNP rs362990 (Odds Ratio, OR 1,5). In Hirngewebe von 89 verstorbenen Erwachsenen ohne ADHS ging dieses Allel mit einer geringeren SNAP25-Expression im unteren Stirnhirn (Gyrus frontalis inferior) einher, einer für Aufmerksamkeit und Hemmungskontrolle wichtigen Region.[16]
Metaanalysen
Belastbarere Aussagen als die meist kleinen Einzelstudien erlauben Metaanalysen.
| Metaanalyse | Untersuchte Variante | Ergebnis |
|---|---|---|
| Gizer et al. 2009[17] | rs3746544, rs1051312, rs362987, rs363006 | signifikante Assoziation nur für rs3746544,[18] wobei die Studien signifikant heterogen waren |
| Forero et al. 2009[19] | rs3746544 als eine von acht häufigen Varianten aus fünf Kandidatengenen | einzige signifikante Assoziation der Untersuchung für rs3746544: T-Allel OR 1,15 (95 % KI 1,01–1,31), p = 0,028 |
| Ye et al. 2016[10] | rs3746544, rs1051312 (6 Studien, 715 Fälle, 655 Kontrollen) | für rs3746544 insgesamt kein Zusammenhang, nur in asiatischen Stichproben (G-Allel OR 0,70); für rs1051312 OR 3,66 beim Genotyp C/C gegenüber T/T |
| Liu et al. 2017[20] | sechs SNP (10 familienbasierte, 4 Fall-Kontroll-Studien) | nur rs3746544 signifikant (OR 1,14; p = 0,010), keine Assoziation für rs8636, rs362549 und rs362998 |
Die gepoolten Effekte für rs3746544 liegen bei Odds Ratios um 1,15. Auch die Richtung des Zusammenhangs ist nicht einheitlich. Zwei Metaanalysen weisen das T-Allel als Risikoallel aus, bei türkischen Erwachsenen mit ADHS war dagegen das G-Allel häufiger.[8]
Erwachsenenalter
Für die persistierende ADHS ist die Datenlage dünn. Eine vergleichende Übersicht ordnete SNAP25 einer Gruppe von Genen der Nervenzellentwicklung und des Neuritenwachstums zu, die vor allem bei Erwachsenen mit ADHS auffielen.[18] Einzelbefunde betreffen höhere Symptomwerte bei Trägern des C/C-Genotyps von rs8636, die sich nur bei Erwachsenen, nicht bei Kindern zeigten,[21] sowie bei 990 Erwachsenen einen Zusammenhang von rs3746544 mit Hyperaktivität-Impulsivität, der für Unaufmerksamkeit nicht bestand.[22]
Genomweite Untersuchungen
Die genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) mit bis zu 38.691 Betroffenen und 186.843 Kontrollpersonen ergaben auf dem Chromosomenabschnitt von SNAP25 keinen genomweit signifikanten Locus.[23][24][25] Die 2019 erstmals gefundenen Loci stimmten überwiegend nicht mit den zuvor vorgeschlagenen Kandidatengenen überein.[23]
Befunde aus Neuropsychologie und Bildgebung
In einer Bevölkerungsstichprobe von 330 Kindern und jungen Erwachsenen war der SNP rs363039 mit der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses assoziiert. Der Befund bestätigte sich an 88 Vierjährigen, und der Genotyp wirkte sich auf graue Substanz und Aktivität im hinteren Gyrus cinguli aus.[26] Bei 87 koreanischen Kindern mit ADHS machten Träger des T/T-Genotyps von rs3746544 im Daueraufmerksamkeitstest mehr Auslassungsfehler.[27]
Pharmakogenetik
In einer Methylphenidat-Studie an 81 Vorschulkindern war die Hauptauswertung negativ; Sekundäranalysen ergaben aber Zusammenhänge der beiden 3'-UTR-SNP mit dem Ansprechen und mit Nebenwirkungen wie Tics und Reizbarkeit.[9] Eine Folgestudie derselben Arbeitsgruppe an 82 Kindern und Jugendlichen fand keine Effekte von SNAP25.[28] Koreanische Kinder mit dem G/G-Genotyp von rs3746544 sprachen seltener gut auf retardiertes Methylphenidat an als Träger der Genotypen T/T und T/G (33,3 % gegenüber 74,7 % bzw. 72,5 %).[29] Bei Erwachsenen (164 Patienten) fand sich kein Zusammenhang mit dem Ansprechen.[30]
Die bisher umfangreichste pharmakogenetische Metaanalyse bezog SNAP25 nicht ein, weil nur zwei Studien vorlagen, die beide keinen signifikanten Effekt ergeben hatten.[31] Einen klinisch nutzbaren Gentest für die Wahl des Medikaments gibt es nicht.[32]
Potentielle Komorbidität
- Für Schizophrenie fand eine Arbeitsgruppe um Carroll Zusammenhänge mit rs3746544 (OR 1,26), allerdings mit dem jeweils anderen Allel als bei ADHS.[33] Eine chinesische Studie mit Metaanalyse bestätigte den Zusammenhang mit Schizophrenie (OR 1,21) und fand außerdem eine Assoziation mit Depression.[3]
- Bei 46 Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung gingen SNAP25-Varianten mit niedrigeren kognitiven Werten einher.[34]
- Mit der Parkinson-Krankheit war eine ADHS-Kandidatenvariante im SNAP25 bei 5333 Erkrankten und 12.019 Kontrollpersonen nicht assoziiert.[35]
Einordnung
Mit der Coloboma-Maus gibt es für SNAP25 ein Tiermodell, in dem die Hyperaktivität auf einen Mangel an SNAP-25 zurückgeht. Beim Menschen sind Assoziationen kleiner Effektstärke repliziert worden,[36] und für Träger eines Risikoallels gibt es Hinweise auf eine verminderte Expression des Gens.[16] Die Ergebnisse sind jedoch zwischen den Studien heterogen, und auch das Risikoallel ist nicht in allen Studien dasselbe.[17] Ob häufige SNAP25-Varianten ursächlich zur ADHS beitragen, ist noch offen.
Siehe auch
Weblinks
- SNAP25 in der Datenbank Gene des NCBI
- SNAP25 in Online Mendelian Inheritance in Man
- Molekulargenetische Untersuchungen in der ADHDgene Database (Archivversion vom 18. Juli 2024, das Original ist nicht mehr erreichbar)
- SNAP25 bei Wikigenes
Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise
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