Mythen und Fakten über ADHS

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In diesem Artikel ist eine Reihe der populärsten Mythen und Fakten über ADHS zusammengestellt.

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Inhaltsverzeichnis

„Praktisch jeder Mensch hat ADHS. Die vermeintlichen Symptome sind so weit verbreitet, dass sie keine Störung darstellen können“

Die Diagnose ADHS wird in der Regel erst dann veranlasst, wenn sich einschlägige Verhaltensbeobachtungen treffen lassen, die auf deutlich beeinträchtigende Schwierigkeiten im Alltag des Betroffenen schließen lassen, die mit den entsprechenden Symptomen einhergehen. Diese Schwierigkeiten gehen dann weit über die Probleme hinaus, welche die Normalbevölkerung hat. Es ist richtig, dass quasi ausnahmslos alle Menschen hin und wieder ADHS-Symptome haben und die Grenzen von Normalität zur Pathologie sind bei ADHS sehr fließend. Jedoch unterscheiden sich die Symptome bei gesunden Menschen deutlich hinsichtlich Persistenz (Dauerhaftigkeit), Ausprägung und Auswirkungen. Bei einem gesunden Menschen leitet sich von den sporadischen ADHS-Symptomen keine Behandlungsnotwendigkeit ab, wohingehen Menschen mit ausgeprägter Symptomatik meist dringend ein individuell abgestimmtes Therapiekonzept benötigen. Siehe auch: Symptome und ADHS als genetische Normvariante.

ADHS-Symptome sind in der Gesellschaft zwar weit verbreitet - von ADHS spricht man jedoch erst dann, wenn die Symptome so ausgeprägt sind, dass sie schwerwiegende Einschränkungen verursachen

„ADHS ist in erster Linie mangelnde Leistungsbereitschaft oder Faulheit. Beim Computerspielen klappt es ja offensichtlich hervorragend mit der Konzentration“

Auf den ersten Blick kann sich eine ADHS-Problematik im Alltag für Außenstehende tatsächlich wie mangelnder Wille oder Faulheit äußern. Tatsächlich ist es so, dass die Betroffenen oftmals keine Probleme zu haben scheinen, sich auf Dinge zu fokussieren, für die sie sich interessieren oder die ihnen Freude machen. Vor dem Hintergrund einer angenommenen genetischen Ursachenhypothese, die eng mit einer Neurotransmitterstörung assoziiert zu sein scheint, muss jedoch berücksichtigt werden, dass sich das menschliche Gehirn in keinem statischen Zustand befindet. Neuronale Vorgänge sind variabel und beeinflussbar - bei gesunden Menschen, wie auch bei ADHS-Betroffenen. Deshalb kann bei Menschen mit ADHS nicht von einer grundsätzlichen Konzentrations- oder Impulskontrollstörung gesprochen werden, sondern vielmehr von einer Störung, die in ganz bestimmten Situationen - nämlich zum Beispiel in Momenten unzureichender Stimulation - ein viel größeres Konzentrations- und Verhaltensregulationsdefizit verursacht, als bei Menschen ohne ADHS. Man spricht hier auch von einer sogenannten „mangelnden Fähigkeit zur selektiven Aufmersamkeit“. Während sich Menschen ohne ADHS in langweiligen Situationen somit „zusammenreißen“ können, fällt ADHS-Betroffenen dies erheblich schwerer.

„Die Betroffenen müssten auch mal wirklich etwas an ihrer Situation verändern wollen. Offenbar entschuldigen sie alles mit ADHS“

ADHS kann sich tatsächlich vielseitig als Entschuldigung für Dinge eignen, bei denen sich Menschen aus der Verantwortung für ihr Fehlverhalten ziehen wollen. Im Sinne eines sogenannten „Krankheitsgewinns“ eignen sich viele körperliche Gebrechen und psychische Störungen zum Missbrauch durch den Betroffenen, aber auch durch Dritte. ADHS scheint dafür besonders geeignet, da theoretisch die Möglichkeit besteht, alles auf das „genetische Schicksal“ zu reduzieren.

De facto leiden die Betroffenen - eine sorgfältige und fehlerfrei gestellte Diagnose vorausgesetzt - erheblich unter ihrer Symptomatik und den einhergehenden Schwierigkeiten und Begleiterkrankungen. Kein Mensch ist freiwillig gern ständigen Tadeln, Misserfolgen, Stigmatisierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Die allermeisten Betroffenen würden lieber heute als morgen etwas an ihrer Situation ändern, jedoch ist die Therapie des komplexen und heterogenen Störungsbilds ADHS meist ein langwieriger und oftmals zäher Prozess, zumal die therapeutische Versorgung sowohl bei betroffenen Kindern und Jugendlichen, als auch bei Erwachsenen momentan unzureichend ist. Es lässt sich daher nicht verallgemeinern, dass ADHS besonders häufig als Ausrede missbraucht wird, wenngleich diese Möglichkeit jedoch besteht.

„ADHS existiert nicht und ist eine Erfindung der Pharmaindustrie, die mit dem Absatz von Medikamenten viel Geld verdienen möchte“

Zwar hat die Pharmaindustrie ein großes Interesse an der Vermarktung der ADHS, jedoch spricht vieles dafür, dass es sich bei ADHS um ein eigenständiges Störungsbild handelt und nicht, wie manchmal von Kritikern vorgetragen, um eine Erfindung der pharmazeutischen Industrie

Naturgemäß haben pharmazeutische Firmen als Wirtschaftsunternehmen ein großes Interesse daran, möglichst viele ihrer Medikamente abzusetzen. Dieses Ziel wird auch durch entsprechende und mitunter aggressive Marketingmaßnahmen verfolgt und umgesetzt. Würde sich morgen herausstellen, dass es sich bei ADHS um keine valide Diagnose und kein eigenständiges Störungsbild handelt, könnte dies für zahlreiche Pharmafirmen ein Wegbrechen ihres wichtigsten Absatzmarktes, für andere gar den wirtschaftlichen Ruin bedeuten. Da ADHS-Betroffene ein so wichtiges Clientel für die Firmen sind, das möglichst lange gehalten werden soll, bemühen sich einige Pharmafirmen auch darum, das Störungsbild ADHS aus ebendiesen Marketing-Absichten zum eigenen Vorteil auszulegen. Dieses werbepsychologisch konstruierte Bild der Störung entspricht tatsächlich oftmals nicht der Realität.

Nichtsdestotrotz spricht momentan - angesichts der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage - vieles dafür, dass ADHS-Varianten existieren, die auf genetische bzw. neurobiologische Ursachen zurückzuführen sind. Weil momentan noch keine Möglichkeit existiert, ADHS bei der Einzelperson anhand körperlicher Marker zu diagnostizieren - wie es zum Beispiel ein Blutbild bei Leukämie gewährleisten kann und da die gegenwärtige Diagnosepraxis als relativ fehlerträchtig gilt, werden immer wieder zweifelnde Stimmen laut, welche die Diagnose ADHS generell in Frage stellen. Aktuell gibt es aber Hoffnung auf neue Technologien, wie beispielsweise die sogenannte Augendiagnostik, die eine zuverlässige ADHS-Diagnostik ermöglichen könnten, was auch die offenbar hohe Rate an Fehldiagnosen reduzieren und die Versorgungsqualität psychisch erkrankter erheblich verbessern könnte. Siehe auch: Pharmaindustrie und Ritalin-Sammelklagen.

„Wenn unser Kind ADHS hat, bestätigt uns dies, dass wir als Eltern keine Erziehungsfehler gemacht haben. Schließlich ist ADHS aller Wahrscheinlichkeit nach eine genetisch bedingte Störung, wofür die Eltern nichts können“

Unter dem Aspekt einer genetischen Disposition wäre es tatsächlich so, dass niemand direkt für die potenziellen Schwierigkeiten oder Verhaltensprobleme der Betroffenen verantwortlich gemacht werden kann. Eine Disposition impliziert jedoch eine Veranlagung zu einer psychiatrischen Störung und sowohl die Heterogenität, als auch die gravierend unterschiedlichen Ausprägungen der Störung sind bekannt. Die individuelle Ausprägung korreliert erheblich mit Umwelteinflüssen, darunter auch psychosoziale Wirkfaktoren - und zu diesen zählen neben Stress und anderen Faktoren auch ungünstige Erziehungsstile. Die Diagnose ADHS impliziert also keineswegs eine fehlerfreie Erziehung. Allenfalls wird deutlich, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS ein ungleich größeres Maß an elterlicher Aufmerksamkeit und Sorge erforderlich machen, das Eltern schnell an ihre Belastungsgrenzen führen kann. Durch fehlende oder mangelnde Kenntnis der ADHS-Problematik ist das Risiko individueller Erziehungsfehler sogar noch erhöht.

Kurz gesagt: Vor dem Hintergrund einer genetischen Veranlagung haben Eltern nichts zur initialen Entstehung der ADHS beigetragen. Das Erziehungsverhalten kann sich jedoch signifikant - positiv und negativ - auf die Ausprägung der Störung und die Entwicklung des Kindes auswirken.

„ADHS verursacht Verhaltensprobleme, weshalb die meisten Kinder mit ADHS 'kleine Tyrannen' sind“

ADHS beinhaltet per Definitionem zunächst lediglich die Leitsymptome mangelnde Aufmerksamkeit, Impulsivität und manchmal Hyperaktivität. Dieses Kombination aus Symptomen beschreibt zunächst die reine ADHS-Symptomatik. Wenn sich darüber hinaus gravierende Verhaltensstörungen entwickeln, beispielsweise Störungen des Sozialverhaltens, sind diese in ihrer Entwicklung meist mit psychosozialen Ursachen assoziiert. Diese Verhaltensprobleme haben dann ursächlich nicht per se etwas mit der ADHS zutun - die ADHS hat die Entwicklung dieser zusätzlichen Verhaltensstörungen aber wahrscheinlich begünstigt. Darüber hinaus kann ADHS die entsprechenden Verhaltensstörungen auch verstärken. Diese Korrelation zeigt sich auch daran, dass Medikamente die Verhaltensstörungen nicht zum Verschwinden bringen, sondern sie im besten Fall lediglich lindern.

„ADHS ist ein Zeichen unserer Zeit. Angesichts dieser medialen Reizüberflutung, von Smartphones, Facebook und der ständigen Überreizung, hätte ich als Kind wohl auch ADHS gehabt. Die Kinder bewegen sich ja auch kaum noch draußen an der frischen Luft und sitzen ständig nur vor Bildschirmen“

Tatsächlich kann der gegenwärtige Lebensstil und die gesellschaftlichen Tendenzen, unter denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, zu Unruhe beitragen und ist einer gesunden Entwicklung und dem Erlernen von Konzentrationsfähigkeiten nicht zuträglich. Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es in der heutigen Zeit auch an Struktur und Orientierung. Normal entwicktelte Kinder entwickeln sich zwar auch entsprechend dieser Umstände, können diese Bedingungen jedoch verhältnismäßig gut kompensieren, während Kinder und Jugendliche mit ADHS umso stärker von der Reizflut beeinflusst werden. Mehr als Kinder und Jugendliche ohne ADHS-Disposition profitieren sie deshalb von einer reizärmeren Umwelt- und Lebensgestaltung, wenngleich deren Umsetzung meist nur schwer realisierbar ist.

Manchmal wird Albert Einstein nachgesagt, er habe vermutlich an ADHS gelitten. Wie in seinen Schriften ersichtlich, war Einsteins Arbeitsweise jedoch hochstrukturiert und wenig typisch für ADHS

Als wahrscheinlich gilt darüber hinaus auch, dass ADHS zu häufig diagnostiziert wird. Dafür werden verschiedene Ursachen diskutiert. Einerseits kommt ein diagnostisch wenig sorgfältiges Vorgehen von Klinikern unter Verzicht auf eine Leitlinien-Orientierung in Frage, andererseits haben nur wenige Spezialisten gute Kenntnisse der spezifischen Erfordernisse der vergleichsweise aufwändigen und komplizierten ADHS-Diagnostik. Nichtsdestotrotz wird in vielen Fällen selbst bei einer falsch-positiven Diagnose eine relativ schwere Beeinträchtigung vorliegen, welche deutliche Überlappungen mit einer ADHS-Symptomatik aufweist und über das Maß einer gesunden Konstitution hinausgeht. ADHS-Symptome können daher - unabhängig von den jeweiligen Ursachen - kaum als gesellschaftliches Konstrukt gewertet werden. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die jeweiligen Symptomursachen dennoch nicht irrelevant sind, da sich an diesen die Therapie orientieren muss. Eine Behandlung einer falsch-positiven, aber auch einer falsch-negativen ADHS-Diagnose birgt das Risiko einer Wirkungslosigkeit oder einer Verschlimmerung der Konstitution.

„Es gibt ADHS und ADS. ADHS bedeutet, dass der Betroffene auch motorisch überaktiv ist, ADS beinhaltet keine Hyperaktivität“

Heute spricht man nur noch von „ADHS“ (Eigenschreibweise: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Zu früheren Zeiten unterschied man durch die Schreibweise ADS von der hyperaktiven Variante und auch heute wird das Akronym vor allem in der Ratgeberliteratur noch verwendet. In den Diagnosemanualen (DSM/ICD) ist jedoch das Akronym ADHS mit Unterscheidung verschiedener klinischer Subtypen definiert. Analog zum früheren ADS ist also der sogenannte „vorwiegend unaufmerksame Subtyp“. Auch die Schreibweise AD(H)S ist unüblich und hat sich eher unter Betroffenen etabliert. Siehe auch: Nomenklatur und Klinische Subtypen.

„ADHS bedeutet, dass die Betroffenen besonders viel Aufmerksamkeit von ihrem sozialen Umfeld einfordern“

So oder ähnlich lautet eine verbreitete Annahme, die - abgesehen von der Generalisierung - jedoch manchmal einen wahren Kern beinhaltet. Menschen mit ADHS ziehen aufgrund ihrer Umtriebigkeit häufig die Aufmerksamkeit ihres Umfelds auf sich. Zudem haben die Betroffenen oftmals ein nur schwach ausgebildetes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein und versuchen durch bewusste Überspitzung der eigenen symptomatischen Charakteristika oder auf humorvolle Art (die jedoch nicht selten als störend oder aufdringlich empfunden wird) soziale Wertschätzung und Akzeptanz zu erfahren. Dies ist aber nicht die Implikation des Aufmerksamkeitsdefizits, sondern die Tatsache, dass die Betroffenen Probleme haben, sich zielgerichtet und dauerhaft auf etwas zu konzentrieren.

„Albert Einstein hatte ADHS“

Vermutlich hatte Einstein keine ADHS. Nachgesagt wird ihm dies wohl auch aufgrund seines humorvollen Zitats „Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos“. Neben der Tatsache, dass Einsteins Arbeitsweise de facto hochstrukturiert gewesen ist, hätte er sich nichtmals theoretisch einer Diagnostik unterziehen können, da das Störungsbild ADHS zu Lebzeiten Einsteins noch nicht definiert gewesen war. Es gibt allerdings eine Vielzahl anderer prominenter und sehr erfolgreicher Persönlichkeiten des modernen Zeitalters, welche mit ADHS diagnostiziert sind. Siehe auch: Bekannte Persönlichkeiten mit ADHS.

ADHS-Basisinfos

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